Wie man Literatur macht

Der Masterstudiengang Literarisches Schreiben und das Lektorieren

Im Herbst 2016 soll der Master-Studiengang Literarisches Schreiben einen Zusatz bekommen: das Lektorat. Wie es dazu kam, erklären der Institutsgründer Hanns-Josef Ortheil und Lektor Klaus Siblewski, der die Lektorenkonferenz gründete und daraus gemeinsam mit Ortheil die Idee für den Lektoren-Studiengang entwickelte.

Der bisherige Masterstudiengang Literarisches Schreiben soll im WS 2016/2017 um das Themengebiet „Lektorieren“ erweitert werden. Wie ist es dazu gekommen?
ORTHEIL: Seit ich an der Universität Hildesheim unterrichtet habe (also seit 1990), wurde das Themengebiet „Lektorieren“ mit in den Unterricht integriert. Das war ganz selbstverständlich. Schreiben und Lektorieren gehören eng zusammen. Wer gut schreiben lernen will, muss seine eigenen Texte auch gut lektorieren können. Und er lernt sie noch besser lektorieren, indem er auch Texte anderer Autoren lektoriert. Deshalb haben wir seit den 90er Jahren dann viele Lektoren nach Hildesheim geholt, um das Lektorieren zu lehren und mit den Studierenden an ihren Texten zu arbeiten.
ORTHEIL: Die „Deutsche Lektorenkonferenz“ war eine sehr gute Idee meines eigenen Lektors Klaus Siblewski (vom Luchterhand Literaturverlag), der mir vorgeschlagen hat, diese Konferenz in Hildesheim mit ihm zu organisieren.
SIBLEWSKI: Wir haben 2006 damit begonnen, da fand die Erste Lektorenkonferenz in Hildesheim statt. Von da an haben sich namhafte Lektoren aus vielen namhaften Verlagen einmal jährlich getroffen.

Ist daraus auch die Idee der „Deutschen Lektorenkonferenz“ entstanden, die ja viele Male an der Universität Hildesheim stattfand?

Das gab es bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Konferenz diente dem Austausch der Lektoren untereinander und dabei vor allem der Fragestellung:
Wie verstehen wir Lektoren unseren Beruf? Wie arbeiten wir im Detail? Was macht das Lektorieren grundsätzlich aus? Gibt es eine Art „Philosophie des Lektorats“? Die Lektorenkonferenz bereitete mit solchen Fragestellungen also eine Art Theoretisierung des Lektorats und des Lektorenberufes vor, sie war die Zelle, in der diese Themen zum ersten Mal breit angesprochen und diskutiert wurden.
ORTHEIL: Wir haben das alles in Seminaren und Übungen geduldig an unsere Studenten herangetragen, Schritt für Schritt. Schon bald (2007) entstand ein Buch, das von ihnen selbst dazu konzipiert, geschrieben und herausgegeben wurde. Es hieß „In der Werkstatt der Lektoren“ und enthielt zehn Gespräche mit Lektoren über deren breit angelegte Tätigkeitsbereiche in Verlagen. Daneben hat Klaus Siblewski selbst begonnen, die wissenschaftliche und theoretische Beschäftigung mit dem Thema Lektorat/Lektorieren in eigenen Publikationen (wie etwa seinem Buch „Die diskreten Kritiker“) zu schärfen.
Und schließlich hat Klaus Siblewski mit unterschiedlichen Autoren drei Bücher verfasst, in denen er mit ihnen jeweils einer Genrefrage nachging: Wie Romane entstehenWie Gedichte entstehenWie Dramen entstehen. Darin geht es um die Entstehungsprozesse von Literatur, jeweils aus Sicht eines Autors und aus der eines Lektors. Das sind bis heute Grundlagenbücher, die eine Theoretisierung der Lektoratsarbeit enorm vorangebracht haben.
Wie kam diese Theoretisierung durch die Konferenz dann ins Studienangebot unserer Hochschule?
Lektoren aus vielen Verlagen haben darüber hinaus aber auch weiter in der praktischen Arbeit am Text in Hildesheim unterrichtet?
ORTHEIL Natürlich. Sie haben einerseits in den Beruf des Lektors eingeführt und Seminare zur Lektoratskunde gehalten. Und sie haben andererseits mit Studenten so an deren Texten gearbeitet, wie man es professionell in Verlagen tut. Und das alles hat bald dazu geführt, dass viele unserer Studenten Anstellungen in bedeutenden deutschen Verlagen gefunden haben.
Im Carl Hanser Verlag in München zum Beispiel ist der neue Verleger Jo Lendle ein Hildesheim-Student, und ebenso sind die  beiden Lektoren für deutschsprachige Literatur Martin Kordic und Florian Kessler ehemalige Hildesheimer. Welche andere Schreibschule in Deutschland hat solche Erfolge vorzuweisen?
Wie wird denn das zukünftige Themenspektrum Lektorieren aussehen?
ORTHEIL: Zum einen wird es Mentorate durch bekannte Lektoren und genaue Textarbeit für unsere Master-Studenten geben, die in diesem Studiengang ja an einem eigenen, großen Schreibprojekt arbeiten. Und zum anderen könnte es vorkommen, dass ein Student in Zukunft zum Beispiel auch gerne lektorierend am Projekt eines anderen Studenten arbeitet. Schließlich wäre drittens auch denkbar, dass sich ein Student nicht mit einem literarischen Schreibprojekt beschäftigt, sondern eine theoretische Arbeit zum Thema Lektorat/Lektorieren schreibt.
SIBLEWSKI: Generell kann man sagen, dass das gesamte große Themengebiet Lektorat/Lektorieren noch weitgehend unerforscht ist und dass es dort sehr viel Grundsätzliches zu tun gibt. So etwa in Fragen der Manuskriptarbeit. Da ist theoretisch und methodisch noch gar nicht recht klar, wie eigentlich Schreibprozesse zu modifizieren, zu beeinflussen, zu verändern, zu unterstützen oder zu verstärken sind.
Welche Themenfelder wären hier dann zum Beispiel von Interesse?
Wie geht das? Welche psychologischen Faktoren spielen dabei eine Rolle, welche ästhetischen Überlegungen? Mit anderen Worten: Wie lassen Schreibprozesse sich tatsächlich formen? Und zwar im Gespräch von zwei Menschen, die sich darüber laufend unterhalten? Genau wissen wir darüber momentan herzlich wenig, obwohl natürlich laufend lektoriert wird.
SIBLEWSKI: Natürlich, aber die Textarbeit ist das Erste und auch Schwierigste. Ist ein Manuskript lektoriert, geht es zum Beispiel um die Vorschautexte für ein Buch, es geht um Klappentexte und daneben um viele weitere Texte, die ein neues Buch auf den Markt und in die Öffentlichkeit begleiten. Auch mit diesen Textsorten gehen Lektoren längst laufend um, ohne dass wir uns weiter viele Gedanken darüber gemacht hätten. Wir haben alle eine gewisse Übung, aber verstehen tun wir nicht so recht, was wir genau wollen und was geschieht. Für wen zum Beispiel schreiben wir eigentlich solche Texte? Für die Buchhändler, für die Leser, für die Kritiker, für die Autoren, für uns selbst (um erst so richtig zu kapieren, was für ein Buch wir gerade gemacht haben)?
Aber beim Lektorat in Verlagen geht es doch um mehr als nur um Textarbeit.
Kann man sagen, dass damit die Inszenierungsprozesse rund um ein Buch und einen Autor beginnen?
SIBLEWSKI: Ja, kann man sagen. Und das ist wirklich ein sehr bedeutsamer Abschnitt in der Arbeit mit einem neuen Buch. Zunächst das Gespräch unter vier Augen, die Textarbeit. Dann die ersten Kommentare zum neuen Buch in Form einer Vorschau, als Klappentext, in der Werbung, in Gesprächen mit Agenten, Kritikern, Redakteuren. Wobei wir dann drittens mitten im Inszenierungsprozess wären: Aus einem Text und seinem Autor wird eine öffentliche „Gestalt“.
Das heißt: Ein Verlag ist darum bemüht, beides (Buch und Autor) auf unverwechselbare Weise „erkennbar“ zu machen und diese „Erkennbarkeit“ auf die „Gestalt des Verlages“ zu beziehen. Das neue Buch soll erkennbar leuchten, indem es als Buch eines bestimmten Verlages leuchtet. Wenn beides sich aufeinander bezieht, liegt ein Glücksfall vor. Das Buch hat seinen Verlag um ein Leuchten „bereichert“, und der Verlag trägt das Buch auf einleuchtende Weise in die Öffentlichkeit.
Es geht also schließlich auch um organisatorische Abläufe in einem Verlag, es geht um Wirtschaft und Technologien der Veröffentlichung bis hin zum E-Book?
SIBLEWSKI: Es geht um das alles und noch um viel mehr. Die Studenten sollten Erfahrungen dieser Art auch in der Praxis sammeln, im In-und Ausland. Und nicht nur in Verlagen, sondern unbedingt auch in Agenturen, Redaktionen und wo auch immer im literarischen Betrieb.
Und nicht nur in Verlagen, sondern unbedingt auch in Agenturen, Redaktionen und wo auch immer im literarischen Betrieb. Literaturhäuser, Festivals, Wettbewerbe (wie in Klagenfurt oder Berlin) – all das sollte ein Tätigkeitsfeld sein, das der genauen Erforschung bedarf.
ORTHEIL: Nicht zuletzt werden wir unseren institutseigenen Verlag, die „Edition Paechterhaus“, in Zukunft direkt vor Ort als ein praktisches Experimentierfeld für Verlagserfahrung gestalten. Die Studenten sollen diesen Verlag formen und prägen, ganz nach ihren Ansprüchen. Sie sollen neue Reihen und Projekte kreieren und Manuskripte von den ersten Ideen bis zur Drucklegung betreuen.
Klaus Siblewski wird diese Verlagsarbeiten begleitend als zentraler Ansprechpartner unter den Lehrenden mit voranbringen. Damit beginnen wir bereits im SS 2016.
SIBLEWSKI: Wobei ich nach meinem altersbedingten Ausscheiden als angestellter Lektor bei Luchterhand (im Januar 2016) vorhabe, einen Großteil meines Lektoratsarchivs nach Hildesheim zu transferieren. Lektorierte Manuskripte bekannter Autoren, alle nur denkbaren Textformen, die bei der Arbeit entstanden sind! Das könnte so etwas wie den Grundstock für eine breite Forschungsarbeit abgeben.
Die Erweiterung des alten Masterstudiengangs Literarisches Schreiben um das Lektorieren sehen Sie als eine starke zusätzliche Profilierung?
ORTHEIL: Unbedingt. Das Angebot für zukünftige Masterstudenten wird dadurch noch einmal enorm vergrößert. Nicht nur zukünftige Autoren sind angesprochen, sondern auch Studenten, die in Zukunft in Verlagen, Agenturen oder Redaktionen als Lektoren arbeiten wollen. Im Grunde bilden wir sogar für alle Verlagstätigkeiten aus, einschließlich Presse, Herstellung, Werbung. Wer in Hildesheim studiert, wird in Zukunft ein großes Plus gegenüber dem Studium an anderen Hochschulen haben. Er ist weiter und umfassender informiert, in der Theorie wie in der Praxis.
(Auszug aus zwei längeren Gesprächen an der Stiftungsuniversität Hildesheim, Domäne Marienburg, mit den Studentinnen Marcella Melien und Lisa Paetow, im Januar 2016)
Hanns-Josef Ortheil kam 1951 in Köln zur Welt. Er hat erst nicht gesprochen, dann viel geschrieben. 1999 gründete er den Studiengang Kreatives Schreiben. Bis heute ist er mit Büchern wie Die Erfindung des Lebens und Die Berlinreise erfolgreich.
Klaus Siblewski, geboren 1950 in Frankfurt am Main, lebt in Holzkirchen bei München. Er ist Verlagslektor, lehrt als Professor am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim und veranstaltet seit Jahren die „Deutsche Lektorenkonferenz“. Er hat u.a. die Werke von Ernst Jandl, Peter Härtling und Peter Turrini herausgegeben. Zuletzt sind von ihm erschienen: “Die diskreten Kritiker. Was Lektoren tun” (2005) und die Bände “Wie Romane entstehen” (2008 zusammen mit Hanns-Josef Ortheil) und “Wie Gedichte entstehen” (2009 zusammen mit Norbert Hummelt).
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