Meinem Axolotl ist das Bein abgefallen – was bedeutet das? Nichts. Ihm wächst nämlich einfach eins nach. Alles ist ein Kreislauf oder sowas und niemand muss sich fragen, was das bedeutet. Etwas bricht ab, fängt eben wieder was Neues an. So ist das. Aber manchmal ist das eben doch nicht so.

*

Unter meinem Bett leben jetzt keine Monster mehr. Das hab ich eben festgestellt. Vielleicht gibt es jetzt andere. Oder sie haben nur ihre Gesichter verändert. Sie ziehen Fratzen vor dem Spiegel und schleichen durch die Köpfe. Wann haben sie den Ort gewechselt? Wie ist das passiert? Manchmal gibt es so Dinge. Das ist vielleicht wie mit dem Sommer. Du wartest ein ganzes Jahr, also fast ein ganzes Jahr auf ihn und dann ist er irgendwann da und du begreifst gar nicht, wie das passiert ist. Aber das ist dann auch egal. Denn dann ist ja Sommer. Ich hab in meinem Zimmer das Licht ausgemacht, die Rollläden runter und aus dem Flur ein Feuerzeug geholt – ich wollte, dass da Stille ist im Raum, und dunkel ist immer auch still. Und vorm Spiegel hab ich dann das Feuerzeug angemacht und mich angeschaut. Was ist das für ein Gesicht, was ich da habe im Halbdunkeln? In meinem Zimmer ist es still. Auf dem Flur sind Stimmen. „Wo ist mein Feuerzeug?!“ die Schwester. „Zuhause wird nicht geraucht.“ die Mutter. „Wo ist mein Feuerzeug, das lag doch hier!“ „Auch nicht im Garten!“ Irgendwas Kleines flattert an meine Nase, ich schnaube und wedle es so mit der Hand weg. Aber es kommt wieder und ich leuchte es ein bisschen mit dem Feuer an und da sehe ich, es ist eine Motte. Sie wirft im Feuerlicht blasse Schatten an die Wand. Ich versuche ihr zu folgen mit dem Blick, aber das ist schwierig im Dunkeln. „Haben wir nicht irgendwo Streichhölzer?“ ruft die Schwester, aber niemand antwortet. Und dann fliegt sie einfach rein. Ins Feuer. Und es knackt und knirscht kurz und mir wird übel und dann dreht sie noch eine halbe Kurve und fällt eigentlich schon und dann fällt sie wirklich nur noch und liegt da auf dem Boden. Und ich stehe da und halte das Feuerzeug in der Hand. Scheiße, Motte warum machst du sowas?  „Warum machst du Feuer in deinem Zimmer?“ fragt die Motte. „Ich dachte es wäre der Mond!“ Sie sagt das sehr dramatisch. „Tut mir leid“ sag ich. „Was bedeutet das?“ fragt die Motte. „Ich glaub, das bedeutet nichts“ sag ich. „Du bist halt reingeflogen. Weil du vielleicht das Leuchten anziehend fandest.“ Die Motte schweigt. „Ok“, sagt sie, „dann bin ich jetzt tot?“ „Ja.“, sag ich. „Ok“ sagt die Motte und dann sagt sie nichts mehr. Also lege ich mich jetzt neben sie auf den Rücken. Und immer noch dunkel und still und dunkel und still, nur irgendwo hinter der Tür sucht die Schwester noch nach ihrem Feuerzeug. Und da habe ich dann plötzlich bemerkt, dass ich gar keine Angst habe im Dunkeln, dass die Zeit, als ich Angst hatte im Dunkeln, wohl vorbei ist. Da sind keine Monster mehr unter meinem Bett. Bricht was ab, fängt was neues an.

„Hej Muffel -“ Die Schwester klopft nicht. Die Schwester wollte was sagen, aber sie muss mich erst im dunklen Raum suchen. Das Licht aus dem Flur wirft einen Streifen auf uns. Auf die Motte und mich. Wir regen uns nicht. „Was machst du da?“ „Nichts.“ „Geht deine Lampe nicht?“ Sie schaltet das Licht an. „Doch.“ Ich schalte es wieder aus. „Ok, also Mama meint, wir sollen uns jetzt fertig machen, weil – Hej! Du hast mein Feuer!“ Sie schnaubt, nimmt sich das Feuerzeug vom Boden, zieht eine Zigarette hinter ihrem Ohr hervor und stolpert in den Flur. „Hannes kommt gleich und dann fahren wir zu Onkel Willi – Großonkel, oder ne, irgendwas anderes mit W – egal. Zieh dich an! Gartenparty!“ trällert sie und ich höre, sie hat die Fluppe schon zwischen den Lippen. Großartig. Die Schwester sagt Gartenparty, als wäre das großartig. Ich schalte das Licht wieder an und warte, bis was passiert. Was mach ich mit der Motte? Ich krame in der Kramkiste und ziehe so ein gelbes Plastikding vom KinderÜ-Ei heraus. Da mach ich sie rein und steck sie in meine Hosentasche. Anziehen. Hat die Schwester gesagt. Ich bin schon angezogen. Zieh dir was anderes an, hat sie vielleicht gemeint, aber das hat sie nicht gesagt. Ich kurbele die Rollläden wieder hoch. Tageslicht. Was wohl die Motte dazu sagen würde. Draußen steht die Schwester auf dem Bürgersteig gegenüber und telefoniert. Sie lacht und fuchtelt mit dem freien Arm in der Luft herum, dabei kann das die Telefonperson doch gar nicht sehen, denke ich. Sie geht ein paar Schritte hin und her, zieht an der Zigarette und lacht wieder. Dann hält da das Auto. Das ist Hannes. Hannes’ Auto macht Werbung für Werbung auf Autos. „Lassen Sie Ihr Auto einfach für Sie arbeiten“ steht hinten. Und an den Seiten „Attraktiver Nebenverdienst durch Werbung auf Ihrem PKW. Hohe Reichweite z.B. in der Rushhour, kein Weg-zappen oder Überblättern möglich.“ Ich rümpfe Hannes meine Nase entgegen, weil er es nicht sieht und das immer ein bisschen gut tut. Und weil man das Werbeauto nicht überblättern und Hannes nicht weg-zappen kann.

*

Es gibt grünweiße Pavillons und gemähten Rasen. Es gibt Bierzeltgarnituren und Stehtische und einen Anlass, den ich vergessen habe. Es gibt Sitzpolster auf Gartenstühlen und es gibt Licht und eine Motte in einer kleinen gelben Plastikdose. Es gibt kleine Brüder und große Schwestern und Cousinen und einen Schokobrunnen. Und es gibt Mütter und Väter und Hannes und Feuerzeuge. Und dann gibt es Großtanten und entfernte Verwandte, die ich nicht kenne, die mich aber kennen, die durch Haare wuscheln, in Wangen kneifen und an den Schultern fassen. Und dann gibt es da irgendwie mich und die Üei-Motte und die Frage was ich hier eigentlich mache. Die Schwester umarmt die Tanten, aber ich bin mir sicher, dass sie sich nicht an die erinnert. Sie riechen nach Wohnzimmer und kaltem Rauch. Die Schwester zwinkert mir zu. Sie weiß Bescheid. Ich stelle mir vor, wie ich den Tanten meine Hand ins Gesicht drücke, mitten rein. Letztes Mal hattest du noch nicht so viele Falten. Das wäre ein Satz, den könnte man sagen. Aber das macht man ja nicht. Niemand macht sowas. Ich setze mich auf die Stufen vor der Terrasse und beobachte die Frauen, die mit ihren Absätzen im Rasen steckenbleiben. Und dann ist da noch Bo. Beim Bufettzelt, wo all die Nudelsalate und Törtchen aufgereiht sind. Bo mit den Sommersprossen. Bo, der sich beim Rutschen damals einen Zahn ausgeschlagen hat, weil er zu schnell war, weil er immer schneller sein wollte als ich.

Die Schwester räkelt sich an der Bar und bestellt noch so ein rotes Getränk mit Erdbeeren und Zuckerrand. Die Schwester hat ihre Bluse aufgeknöpft. Die Schwester bewegt ihre Hüften. Ich bewege meine Hüften nicht. Sie winkt mir zu. Ich sehe genau, dass sie Spuren vom Schokobrunnen auf den Shorts kleben hat. „Hej, was hängst du denn da so in der Ecke? Komm doch mal her!“ Sie lallt schon ein bisschen. Aber das bemerkt hier niemand außer mir. Ich ziehe kurz die Brauen hoch und schüttele den Kopf. Aber sie hat sich da eh schon wieder umgedreht, weil das Lied gewechselt hat und das hat ihr einen neuen Schwung gegeben. So Musik hört sie sonst nie. Bo steht hinten am Schokobrunnen und steckt abwechselnd Ananas und Bananenstücke auf einen Spieß. Daneben verschwindet die Tante zweiten Grades im Muster der Gardinen und ich muss an das Terrarium in der Grundschule denken. Ich saß manchmal im Flur davor, in der Pause oder nach dem Pinkeln. Da warn nur Blätter und Äste drin. Hab ich vorher zumindest immer gedacht. Also sinnlos eigentlich. Aber man gewöhnt sich ja an die sinnlosen Dinge in der Schule, bevor man überhaupt gelernt hat, sie aufzudecken. Das würde vielleicht die Schwester so sagen und dabei überlegen dreinschauen und lachen, aber die hat’s ja auch leicht, die ist bald da raus. Einmal ist dann aber doch was passiert mit dem Terrarium. Ich bin da einem Stab begegnet, der sich bewegt hat. Und der hatte auch Beine und Fühler und winzige Augen. Und am Anfang wusste ich gar nicht, ob der acht oder sechs Beine hat, aber einmal hat er sich dann doch richtig bewegt, zwei drei staksige Schritte. Auf sechs braunen Stabbeinen. Es gibt immer ein paar Stabschreckenmenschen. Manchmal weiß man nicht so richtig, ob sie da sind oder nicht. Und es ist schwierig, sie abzugrenzen von ihrer Umgebung. Vielleicht will die Schrecke auch unbedingt ein Stab sein und die Tante das Muster der Gardine. Irgendwann bin ich dann aber doch nicht mehr dahin in den Pausen.

Jemand setzt sich neben mich, so ein Onkelkollege mit einem Hemd, wo sich vorne am Bauch die Knöpfe wölben und man von der Seite reingucken kann wenn man seitlich neben dem Bauch sitzt. Ich sitze seitlich neben dem Bauch. „Nah?“ sagt der Bauch. Na was? sagt mein Bauch. Er fragt dann, ob ich eben vom Sportverein käme, und deutet auf meine Hose. Weil das so nach Fußball aussähe und dass sein Sohn früher ja auch im Verein gespielt habe. Ich sage ihm, dass ich in keinem Verein sei und das die Hose von meinem Opa. Und er erzählt noch ein bisschen von dem Sohn und von der Kreisliga und ich nicke und sehe, wie Bo ein Stück Ananas in den Schokobrunnen fällt, er sich umschaut und dann versucht, das Stückchen mit zwei Fingern wieder heraus zu fischen. Der Bauch redet jetzt von der Tochter seiner Nachbarn, die ja auch lieber ein Junge sein wolle und wie mutig er das von mir fände, so mit den Haaren, und dass er sie selbst früher auch so raspelkurz gehabt hätte wie ich. „Aha.“ sage ich und überlege kurz ob ich ihm von den Läusen erzählen soll, die in meiner Klasse umgingen und wie die Schwester mir dann im Bad die Haare abrasiert hat. Aber mich kribbelt es schon beim Gedanken daran auf der Haut. Bo hat die Ananas immer noch nicht zurück und er langt nun mit der ganzen Hand in die flüssige Schokolade. Zwischen den Knopflücken im Hemd glitzert der Bauch neben mir, weil er schwitzt. „Ich muss mal zum Klo.“ sage ich zum Bauch und stehe schnell auf.

Bild mit freundlicher Genehmigung von © Jelena Kern

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