Der Begriff weiß’ wird in diesem Text nicht als Beschreibung einer Hautfarbe verwendet, sondern als Bezeichnung einer privilegierten Position in einem rassistischen System. Er wird deshalb mit ‘ gekennzeichnet. Der Text bildet einen Nachrichtenwechsel ab, der laufend aktualisiert wird. Diese ist die 3. Folge, die weiteren Folgen sind unten verlinkt.

Arpi,

wir haben uns hier schon eine ganze Weile nicht mehr geschrieben. Vielleicht, weil sich ein paar Dinge – wie das Sprechen über Rassismus – zwischen uns eingespielt haben. Jetzt werden wir bald die Stadt wechseln, und ich habe das Gefühl, dass sich dadurch einige Fragen neu stellen – zumindest für mich.

Im Sommer verlassen wir gemeinsam den Ort, an dem wir uns kennengelernt haben. Wir haben hier in einer Blase gelebt, die wir uns selbst geschaffen und die wir genossen haben: unter Menschen, mit denen wir befreundet sind, mit denen wir arbeiten, mit denen wir gerne Zeit verbringen. Ich fand das immer schön und wichtig, weiß aber auch, dass es dabei für dich um mehr ging: Sicherheit. Als es klar war, dass wir weggehen, haben wir uns darum gegen eine mögliche Stadt und für eine andere entschieden: Die eine ist zwar schön, hip und bezahlbar, liegt aber in einer Region, in der jeden Tag fünf rechtsextreme Gewalttaten begangen werden. Die andere ist zwar teuer, dafür aber voller Freund*innen, kulturell divers und gleichzeitig so anonym, dass es sich bei Bedarf gut abtauchen lässt.

Wenn wir mit anderen über diese Entscheidung gesprochen haben, wurde manchmal gefragt: Sollte man nicht gerade jetzt dort hinziehen? Sollten wir nicht gerade jetzt bewusste Zeichen dagegensetzen, dass sich Rechtsextreme mit Gewalt und Drohungen immer mehr Raum nehmen? Ich hatte den gleichen Gedanken, aber auch das Gefühl, darüber nicht entscheiden zu können. Das Risiko, dass dir dort etwas angetan wird, erschien mir viel zu hoch – aber ich wollte dir nicht die Möglichkeit absprechen, selbst zu entscheiden, ob du dich ihm aussetzt oder nicht.

Jetzt haben wir gemeinsam die andere Stadt gewählt, und ich bin froh darüber. Ich will nicht jeden Tag Angst um dich haben müssen, wenn du aus der Tür gehst. Gleichzeitig habe ich aber auch begonnen, meine zukünftige Rolle in solchen Situationen zu befragen. Wodurch gebe ich dir mehr Sicherheit: Indem ich mich, so reflektiert ich kann, mit möglichen Problemen und Gefahren auseinandersetze? Oder, indem ich dir das Gefühl zu vermitteln versuche, dass schon alles gut gehen wird?

Seit wir eine Beziehung führen, sehe ich mich und die Welt zwar anders: Ich betrachte mich als weißen‘ Mann und setze mich mit den damit einhergehenden Privilegien und Selbstverständlichkeiten auseinander. Dabei bist du meine wichtigste Gesprächspartnerin und mein stärkstes Korrektiv. Aber gleichzeitig müssen dir manche meiner „Erkenntnisse“ als kleine Schritte vorkommen, und ich will nicht, dass du dich wegen mir noch häufiger mit dem Rassismus-Thema beschäftigen musst als ohnehin schon – nur, weil es für mich plötzlich präsenter ist.

Ich will, dass du dich auch in dem neuen Alltag, den wir uns bald gemeinsam schaffen werden, in allen Belangen sicher fühlst. Wenn wir diesen Briefwechsel jetzt wieder aufnehmen, ist darum meine wichtigste Frage: Warum überhaupt? Was denkst du dazu?

In Liebe,

T.


Tobi,

in den letzten Monaten habe ich immer wieder angesetzt, einen neuen Brief an dich zu schreiben, habe aber keinen der Entwürfe fertig gestellt. Ich hatte den Eindruck dieses Projekt widerspricht meiner Haltung, weiße‘ Menschen nicht kostenlos weiterbilden zu wollen. People of Color müssen oft weißen‘ Menschen Rassismus erklären. Ich schreibe hier müssen, weil es Teil von Machtstrukturen ist, sich immer dazu veranlasst zu sehen. Wie du weißt, habe ich mich im letzten Jahr offiziell selbstständig gemacht. Obwohl das nur ein kleines Formular beim Finanzamt ist, hat sich dadurch etwas Grundlegendes verändert: Ich habe entschieden, dass ich für meine Arbeit bezahlt werden möchte und davon leben werde. Darunter fällt neben meinen Tätigkeiten als Autorin und Redakteurin vor allem auch die Antirassismusarbeit, von der weiße‘ Menschen profitieren.

In der Vergangenheit wenn z.B. in einer Vorlesung rassistische Fremdbezeichnungen verwendet wurden, war es meine erste Reaktion, diesen sofort zu widersprechen. Ich finde, dass die Universität ein Ort sein muss, an dem rassistische Denk- und Sprechweisen hinterfragt werden. Zum anderen tat ich dies, weil für mich und andere Studierende of Color akademische Räume sicherer gestaltet werden sollten und ich für uns einstehen möchte.

In letzter Zeit vermeide ich solche Konfrontationen, wenn ich mich in weiß‘-dominierten Kontexten befinde, weil mir dann häufig Emotionalität unterstellt wird, die mein rationales Denken beeinflusse. Außerdem rücke ich so in den Mittelpunkt und führe Diskussionen dann alleine, meistens mit einer hierarchisch über mir stehenden Person.

Ich würde mich nicht so viel mit den Themen Rassismus und Intersektionalität beschäftigen, wenn ich nicht an spannenden Gesprächen interessiert wäre, die mein Denken darüber herausfordern. Doch in solchen Situationen entstehen häufig nur Grundsatzdiskussionen, in denen ich immer wieder vorgebrachte Argumente wiederhole. Nur selten findet die Auseinandersetzung auf einem Niveau statt, das auch mir neue Anregungen bietet. Ich bilde also mein Gegenüber kostenlos weiter, während mich selbst das Gespräch nicht weiterbringt – weder inhaltlich insbesondere nicht in meinem Studium und in Bezug auf meine Ziele.

Ich schreibe dir dies, weil die Entscheidung, Antirassismusarbeit zu meinem Beruf zu machen, auch etwas mit uns zu tun hat: Du nennst mich deine wichtigste Gesprächspartnerin und weißt auch, dass du in dieser Hinsicht von meinem Wissen profitierst, das ich mir teilweise schmerzlich erarbeiten musste. Gleichzeitig möchte ich dir – wie in den vorherigen Briefen schon geschrieben – Sicherheit geben, dich nicht verletzen.

Ich habe Freund*innen of Color, die sich selbst die Regel gegeben haben, mit ihren weißen‘ Partner*innen keine Gespräche über Rassismus zu führen, da sie immer in der erklärenden Position sind. Ich habe auch Freund*innen of Color, die gar keine festen Liebesbeziehungen mit weißen‘ Menschen eingehen, weil sie sonst um solche Gespräche nicht herumkommen. Ich kann das nachvollziehen. Es gibt die naive Illusion, dass mit Liebe alle Probleme zu lösen seien. Man müsse sich nur gern genug haben, nett zueinander sein und dann verlöre auch der Rassismus seine Wirkung. Deshalb ist mir dieser Briefwechsel wichtig, weil die Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen im Privaten zu wenig Beachtung erhält.

Ich möchte jedoch außer dem „Warum?“ noch eine andere Frage stellen: Für wen veröffentlichen wir diesen Austausch? Für uns selbst natürlich zunächst. Mir ist es aber auch wichtig, für meine Community und vor allem andere Personen of Color zu schreiben, die in Partner*innen-, Freund*innenschaften oder familiären Beziehungen mit weißen‘ Menschen sind. Gar nicht, weil ich glaube, dass wir perfekte Lösungen parat haben oder irgendjemand von uns lernen könnten, sondern weil sich gewiss irgendwo noch ein anderes Paar die gleichen Fragen stellt wie wir und sie sich vielleicht in unserem Nachdenken wiederfinden können. Wenn dieses Projekt auch anderen Rassismusbetroffenen etwas bringt, dann passt es auch zu meinen gesellschaftspolitischen Ansprüchen.

Du schreibst, dass dir meine Sicherheit an unseren neuen Wohnort, in unserem neuen Alltag wichtig ist. Wir sollten vielleicht von unserer Sicherheit sprechen, schließlich haben Unsicherheiten in unserem Alltag Auswirkungen auf unsere Beziehung, also auch auf dich. Ich weiß, wie ich allein mein Leben gestalte, um mich sicher zu fühlen – damit musste ich mich schon immer auseinandersetzen. Jetzt geht es aber darum auszuhandeln, was Sicherheit für unser gemeinsames Leben bedeutet. Oder was meinst du?

In Liebe,
A.

Die Folgen dieser Serie:

  1. Re: Rassismus (13.3.18)
  2. Re: Re: Rassismus (16.4.18)
  3. Re: Re: Re: Rassismus (diese Folge – 10.6.19)

to be continued





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