Jedes Mal, wenn du hier bist, hebst du kurz den Blick vom
Marmorboden. Das Foyer hat eine hohe und schwere Decke, gestützt
von schmucklosen Pfeilern. Du weißt nicht, was du bei dem Anblick
genau fühlst, es ist nie ein angenehmes Gefühl.

Jetzt nimmst du die wenigen Stufen, trittst in den langen Flur,
der gleich anschließt. Links und rechts sind symmetrisch gegenüber
schwere Holztüren mit rechteckigen Oberlichtern eingelassen. Jede
ist gleich, wie Copy Paste, du kannst die Zahlen an den Schildern
neben den Türen nicht ganz erkennen. Die Träger deines Rucksacks
schneiden dir in die Schultern. Deine Schritte sind leise, es geht
voran, da legt sich eine Hand auf deine Schulter und du senkst
wieder deinen Blick auf die marmornen Kacheln.

Du kennst die Geschichte der Gebäude nicht. Du weißt nicht, was
Zwangsarbeiterinnen in deinem Alter in die Türen ritzten, als sie
im Keller eingeschlossen waren, es wäre dir wahrscheinlich auch
egal, weil das lange nach dir ist. Aber die, denen die Hände
gehören, die sich ab und an auf deine Schultern legen, wissen es.
Sie sagen nichts. Dazu haben sie sich entschieden.

Marlene S. dagegen weiß genau, für was die Gebäude genutzt wurden.
Sie ist aber vollkommen woanders: Sie steht im Wald. In ihrer Hand
brennt ihre letzte Zigarette, aber das weiß sie grad noch nicht.
Ihr Leben war in letzter Zeit von Enttäuschungen geprägt und seit
kurzem hat sie das Gefühl, selbst eine zu sein. Das liegt an
Frederike. Und an dem Alkohol. Und an ihren Eltern. An früher. Und
noch viel mehr an ihr. Und vielleicht doch viel mehr am Alkohol.
Und das Rauchen wird sie auch umbringen. Also nimmt sie noch einen
tiefen Schluck aus der Emil-Flasche, die sie seit Schultagen mit
sich rumträgt und in der sie Rum trägt, verzieht das Gesicht und
trifft gleich die bis dato viertwichtigste Entscheidung ihres
Lebens. Gleich nach Niemals Schuhebinden zu lernen, Architektur zu
studieren und sich in Frederike zu verlieben.

Die Hand auf deiner Schulter gehört deinem Lehrer. Du gehst
voraus, du weißt, in welchen Raum ihr gehen werdet. Kurz hinter
dir klacken seine Absätze. Also gehst du den Flur weiter hinab,
der dir viel zu lang erscheint – das schlechte Licht und die
stickige Luft machen dir Kopfschmerzen, gleichzeitig fühlst du
dich seltsam betäubt. Die Tür des Lehrerzimmers am Ende des Flurs
kommt langsam auf dich zu.



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