Jochen Schimmang erforscht in sieben figurenreichen Erzählungen die manchmal erleichternden und andermal trauervollen Welten des Verschwindens

Bücher gibt es… Gibt es viele auf dieser Welt, und dementsprechend gibt es auch viele bei denen man sich als Leser wundern muss, ob man noch liest oder ob man schon eingeschlafen ist. Vergebens sucht man in solchen Fällen, manchmal über Stunden hinweg, nach Inhalt, um festzustellen, dass man etwas sucht das nicht da ist, und dass die Suche nicht eine Suche war, sondern nur der Versuch etwas zu suchen, denn dort wo nichts zu finden ist, da endet auch alles zwecklos im Versuch. Leider geschieht dies wegen der Menge an Büchern sehr häufig, denn sie verwuchern wie der Efeu, die nichtssagenden Bücher, die Bücher, die nicht in Überlegungen über den Sinn des Lebens enden, sondern eher, in tristen Überlegungen über den Sinn des Lesens. „Wollte ich heute nicht schwimmen?“, fragt man sich: „Warum wollte ich eigentlich lesen? Was suche ich, was tue ich hier? Lese ich, weil ich lesen will, oder wollte ich nur des Lesens halber lesen, also ist mein Lesen gerade, nur ein „Wollen“ zweiten Grades?“

Um eins klarzustellen: diese Bücher gibt es vielfach. Und es gibt sie viel zu oft. Sie verschwinden immer wieder von der Erdoberfläche und werden von niemandem vermisst. Sie werden reproduziert, multipliziert, neuverfasst –und immer wieder vergessen. Sie sind, was den Kaffee angeht, nicht der Kaffee an sich, sondern der versüßende Süßstoff, eine ungewöhnliche, doch passende Analogie, denn es ist, was das Lesen angeht, eine wesentliche Frage: Schmecken sie in der Lektüre den Kaffee, oder doch nur – den Süßstoff. Sind es die Zutaten die das Rezept ausmachen oder doch nur, der Zucker? Viele, viele dieser Geschichten werden inhaltlich von oben bis unten verziert, mit Wörtern verschlagen, mit Kompliziertheiten verfälscht, mit Handlungen (die schnell versagen, verblassen) verkauft, und… vergessen. Sie verschwinden. Sie sind Süßstoff, kein Sauerstoff.

Süßstoff ist nämlich die unwesentliche Dekoration, die Hülle, der lärmende
Horror Vacui und, wenn für sich alleine stehend, schrecklich und unerträglich
süß. Süßstoff ist also nur der misslungene Versuch, lebenswichtig, Sauerstoff zu
sein.

Verstehen sie mich nicht falsch. Bücher gibt es … Gibt es vielfach auf dieser Welt, und da sie so unterschiedlich sind, sind sie oft nichts-sagend. “Adorno wohnt hier nicht mehr“ ist jedoch keins dieser Bücher.

Dies geschieht allerdings auf eine sehr sonderbare Art. Besser gesagt:
Schimmangs neues Erzählband ist nicht purer Süßstoff, kein Schnörkel. Und
dessen sollte man sich bewusst sein. Das hätte nämlich, bei dem Thema, auch
ganz anders kommen können. In knapp 5 Erzählungen erforscht er die
manchmal beruhigenden, andermal trauervollen Welten und Formeln des
Verschwindens, und dies auf eine sehr einfache und strukturierte Weise. Der
erreichte Effekt ist vor allem die Ehrlichkeit. Es ist somit ein stimmvolles und
erwachsenes Buch. In manchen Fällen werden gelesene Erzählungen mit der Zeit
vergessen, sie verlieren an Bedeutung. Hier ist es nicht so. Nach der Lektüre
verliert es nicht an Wert, es geschieht andersrum. Je mehr Tage verstreichen
desto reizender werden die gelesenen Welten und Ideen, desto sinnvoller die
Wahl der einfachen Sprache, sichtbarer die Erfahrenheit, das Bewusstsein der
verwendeten Rahmen, klarer die Suche nach dem Spiel und elementarer die
Ruhe in der Behandlung des Themas: Verschwinden, als fliehen, untertauchen,
verlieren, suchen, hoffen, fragen, einsehen, neu anfangen.

„Das schönste an der Welt wird für mich mehr und mehr, dass man noch immer in ihr verschwinden kann.“

So bleibt jede Geschichte stumm in einer Ecke des Raumes liegen und beobachtet den Leser. Die Augen des Erzählers sind weit geöffnet. Fern eines jugendlichen Versuches die Welt zu erobern, ruht alles still und nachdenklich, Worte, einer älteren Generation zugehörend, die nur zurückblicken, die Hand heben wollen, und sich fragen, wohin, mit ihnen und mit dem vergangenen Leben.

Um das Buch zu genießen ist es empfehlenswert Schimmang als Schriftsteller vorerst kennenzulernen, auch wegen der vielen Namen und Referenzen gegenüber anderen Autoren die kontinuierlich auftauchen und die Erzählungen einen Touch „Autofiktion“ und literarischer Selbstreflexion verleihen. Für den Autor ist nämlich der Begriff Verschwinden nicht fremd –und das ist wesentlich für die Lektüre. Früher einmal ein Suhrkamp Schreiber, gehört nun Schimmang zu der Klasse der „Ehemaligen“. Eines ist aber geblieben: die Erfahrung. Seit langem steht Schimmang nicht im Rampenlicht –und das ist in Wirklichkeit nie so stark der Fall gewesen.

Demgegenüber reagiert er aber nicht mit Bitterkeit sondern mit beinahe meditativem Verständnis (seine Schilderungen über die letzte Frankfurter Messe bestätigen das). Es scheint so, als hätte er die „Jugend“ verloren, oder eher, als wäre die Jugend, die nun vorherrscht, eine andere, eine, in der er keinen Platz findet. Sein Stil ist also veraltet, er nicht mehr angesehen, und seine Prosa für das Publikum alt-normal und überschaubar. Vor allem denken jedoch die meisten wenn sie den Namen Schimmang hören daran, dass er seit langem verschwunden ist, oder sogar, dass es ihn nicht gibt. Das verleiht dem Buch einen eigenen Sinn, gibt dem Ganzen einen eigenen Wert.

Es macht den Eindruck, als würde Schimmang anhand seiner Geschichten, so zu sagen, mit diesen Erzählungen, sein eigenes Verschwinden und viele andere kompatible Formen des Verschwindens die im Leben auftauchen können thematisieren wollen; als wolle er es (für sich) aufarbeiten, und aus dieser Reflexion ein eigenständiges Werk schaffen: ein Stillleben des Vergangenen. Dieser rückblickende Gedanke kann den Leser, wenn er sich darauf einlässt, sehr reizen. In gut siebzig Jahren hat Schimmang bekannte Künstler und Autoren entweder persönlich oder vom nahen Hörensagen gekannt. Er hat sich in Kreisen im Zentrum des Geschehens begeben, mit Menschen die das deutsche literarische Panorama geprägt und beeinflusst haben, manche von ihnen, wie „Herr Rutschky“ (dem ein ganzes Kapitel gewidmet wird) schon verstorben, andere weiterhin erfolgreich.

Auch die längst Abgetauchten, die Verschollenen, und diejenigen, die den Traum einer Schriftstellerkarriere hinter sich gelassen haben bekommen einen kleinen Platz in seinen Erzählungen. Namentlich gehörte Schimmang zu den Autoren der Neuen Subjektivität (Begriff, wie er von Marcel Reich-Ranicki geprägt wurde, und unter welchen auch Handke sich befand). Die Berühmtheit Handkes wurde dennoch nie erreicht. Die Erzählungen sind oft voll mit Referenzen, Reflexionen vergangener Dekaden, Andeutungen an Persönlichkeiten und Phänomene der rezenten Literaturgeschichte, und Passagen über Stimmen die heutzutage nicht mehr reden können, weil es sie, außer in den Erinnerungen ihres Wesens, nicht mehr gibt.

Natürlich gehört zu letzteren auch Adorno, dessen Name im Buchtitel erscheint, und für wem starke Bewunderung seitens Schimmangs spürbar ist (diese Faszination verwandelt ihn zuteil in einen in Frankfurt verliebten Flaneur). Dem abgesehen, hat das Buch einen seltsamen Charme. Während des Lesens entsteht der Eindruck, es sei in Wahrheit ein Gespräch unter vier Augen, nicht eine Erzählung; ein Gespräch in dem Schimmang über verlorene Schätze und neue Bequemlichkeiten schwärmt, in dem er verträumt beobachtet, in welche Richtungen die neuen (und die alten) Winde wehen.

Schimmang und „Adorno wohnt hier nicht mehr“ sind also ganz innig verbunden. Der persönliche Bezug der Erzählungen zu Schimmang lässt sich daran festlegen, dass in manchen Kapiteln sogar Schimmang selbst, als Protagonist spricht, noch dazu daran, dass die stattfindenden Situationen mit Schimmangs Biographie übereinstimmen. Nichtsdestotrotz: das Buch als ein rein autofiktionales Erzählband zu bezeichnen wäre nicht nur dem Ganzen nicht gerecht, es wäre sogar falsch. Es sind auch Geschichten zu lesen, in denen in dritter Person Handlungen und Gedanken der Protagonisten beschrieben und erarbeitet werden. Die Erzählform und -struktur bleibt nicht konstant (hierzu dient exemplarisch die Interviewform der fünften Erzählung). Zusätzlich schwankt hin und wieder der Anteil an Fiktion und an Wirklichkeit. Der Einfluss Lars Gustafssons sollte hierbei nicht unterschätzt werden.

In vielen Fällen ist es dadurch nicht sinnvoll in den Protagonisten Schimmang abzulesen, sondern eher sinnvoll, den Protagonisten seine eigene Identität behalten zu lassen. Die glatt 206 Seiten sind voll mit irrwitzigen Geschöpfen, fern Schimmangs Person und besonders der Thematik des Verschwindens nahe: Menschen, die sich an ihrem siebzigsten Geburtstag im Haus verstecken und versuchen von den anstürmenden Besuchern zu fliehen; Menschen mit der Tätigkeit, Verschwundene zu betreuen und sie aufzusuchen, das poetische im Gesetzbuch betonen (und zusätzlich schon verschwundene Figuren vorheriger Geschichten für uns wiederentdecken); einsame Liebende, die sich in der Kirche verkriechen, hoffen wollen, sich von Kerzen aufmuntern lassen, davon träumen, ihren Liebhaber wieder zu finden; und nicht zu vergessen, Künstler die unter einem falschen Namen und einer verfälschten Persönlichkeit historische Gemälde malen für ein unwichtiges, kleines Stadtmuseum in einer unbedeutsamen deutschen Kleinstadt.

Zwar stimmt es, dass man sich manchmal mehr erhofft. Manchmal wünscht man
sich die Katharsis, die Explosion. Jedoch: wenn man so was in Schimmangs
Zeilen sucht, dann liegt man nicht ganz richtig. Die momentane Explosion ist
hier nicht so bedeutend wie der sich langsam ausbreitende Nachgeschmack, ein
Geschmack der Verwunderung, des Hinterlassenen. Am bedeutendsten ist in
diesem Beispiel das letzte Kapitel. In „Die Endspielmaschine“ verwandelt sich die
Fiktion in ein mit Analogie operierendes Essay. Bücher sind dort Apparate mit
multiplen Funktionen.

„Zu Beginn meiner Karriere wurde ich oft gelobt, manchmal gestreichelt, vereinzelt auch gepriesen. Meine kleinen Konstruktionen und Apparate fanden den teils anerkennenden, teils eher amüsierten Beifall der kritischen Fachwelt. Sie galten als ausgeklügelt, als fein gemacht, als bahnbrechend galten sie nicht“

So beschwert er sich auch über die Serienproduktionen vieler seiner Kollegen,
die sich „der Massenproduktion“ gewidmet haben, und lobt die Kraft mancher
einzelnen Konstrukteure, derweilen verteidigt er sich gegen Kritiker und richtet
sich gegen denen, welche die Kraft der kritischen Theorie belächelten.

Schließlich, und so endet das Buch, begibt er sich vollkommen in der Analogie
und verbindet die Erzählung mit den erwünschten theoriekritischen Ansätzen.

Die Form der Apparate verwandle sich stetig, heißt es: in einen Rhombus, einen Zylinder, ein Dreieck, eine Spirale, in unzählige weitere mögliche Formen, so dass der Apparat, die Gestalt dieses, wie er es nennt, „Würfels“, sich nie greifen lasse, immer halb in Verständnis halb in Unverständnis bleibe, nie begriffen und zuteil immer wieder vergessen werde. Zusätzlich poetisch wird es dann, wenn erzählt wird, dass eine Stimme klingt, innerhalb des Apparates: der Gesang einer Frau sei zu hören. Dieser Gesang ertöne aber nur leise und undeutlich. Er sei nie gänzlich identifizierbar.

Neben seiner Erfahrung als Schriftsteller und den schönen Welten des Buches hat Schimmang in seinen Erzählungen also auch noch Platz für ein Plädoyer, für eine Verteidigung, eine die teils Mitleid verursacht, teils auch ein Schmunzeln, oder ein lautes Lachen provozieren. Letzten Endes ist die Lektüre dieses Buches ein schönes Erlebnis. Es lohnt sich in dessen Seiten mit Hinwendung durchzublättern. Im Gedanken bleibt dann zum Schluss die bittere Einsicht, dass auf dieser Welt nicht alles vollendet werden kann, nicht alles gerade Linien hat, und nichts, absolut nichts wirklich in der Ewigkeit, Klarheit und im Stillleben mündet.

Es geht anscheinend auch einfacher, mit leichten Wörtern, mit Witz, keine
hohen Töne suchend, keine neuen Stilrichtungen propagierend. Es gibt sie also,
neben den Büchern, die man nicht wegen eines schlechten Gedächtnisses vergisst
(sondern weil man sich des Vergessens zwingt): Die langsamen und zärtlichen,
schlichten und ehrlichen Bücher, die ein Leser für sich entdeckt und liebgewinnt.

„Allein der Kollege König stellte sofort fest, dass es sich um die Melodie von Gute Nacht handelt, dem ersten Lied aus Schuberts Winterreise, wenn auch in einer Sprache gesungen, die mit keiner ihm bekannten irgendeine Ähnlichkeit habe, die seiner Ansicht nach irgendwo im Finno-Ugrischen angesiedelt sei“.





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