(ich denke)

Ich mochte die Art, wie fluid mit verschiedenen Sprachen umgegangen wurde. Es nicht das deutschsprachige Gedicht und dann das französischsprachige oder englische, sondern die Worte durften dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht wurden.

hattest du das bedürfnis, eine übersetzung zu leisten bei den verwendeten sprachen?

Bei manchen
Gedichten fiel es mir leichter, weil ich die Wörter kannte und bei anderen
hatte ich dann Lust, was nachzuschlagen.

Einmal hat sie auch ein Gedicht direkt übersetzt. Da habe ich mich dann gefragt, was das “Original” ist (ich glaube, das französische) und das mochte ich lieber, weil mir die Übersetzung so konstruiert vorkam an manchen Stellen.

ich hatte beim lesen eigentlich die ganze zeit das gefühl, dass das, was im gedicht passiert, sehr nah bei mir stattfinden könnte.

Und in einem, verwendet sie engl./frz./dt. ständig wechselnd und mir war oft unklar, welches Wort zu welcher Sprache gehört. So ein “me” zum Beispiel kann ja engl. und frz. sein. Das würde ich auch gern gesprochen hören. Da spielt sie mit Klang und Übersetzungen und manchmal Gleichbedeutung, aber manchmal führt der Klang eben auch zu einem anderen Wort in einer anderen Sprache.

l’intimité imminente m’intimide
(notes sur la lettre I )

ah, da wusste ich
zum Beispiel im Untertitel nicht, ob das ein I oder ein l sein soll

lol kann man hier auch nicht unterscheiden

glaube, das war eines der gedichte, die in mir am stärksten eine metareflexion angeregt haben. mir erging das ähnlich, dass ich nicht wusste, welches wort zu welcher sprache gehört, aber eigentlich fand eine sprach-verschiebung statt zu der textsprache, die unterschiedlichen sprachen werden zu einem gedicht und ergeben einen sinnzusammenhang, einen sinnlichen Zusammenhang
“please me bitte cling to my clit klingt”

Das klingt vielleicht paradox, aber für mich waren die Inhalte oder Gefühle dann greifbarer, wenn der Text abstrakter oder formal strenger war. Vielleicht, weil mich das auch an Gedichten interessiert: das Abstrakte und Rätselhafte einerseits, die Uneindeutigkeit; und wie man mit strengen Formen oder einfachen Regeln etwas aufdecken kann (also wie ein Prinzip eigentlich ganz simpel sein kann, aber dann so richtig tief blicken lässt).

es erschien mir die ganze zeit möglich, den text doppelt zu lesen. auf der einen seite erschien der gedichtband wie die erzählung einer endenden beziehung oder nicht-beziehung, vielleicht sexbeziehung, was besonders deutlich wird in l’art de la table “hätte viel lieber deine hände au menu / zum aperéritif an meinem rücken”, wo der text die wortfelder von sexualität, begierde (sehnsucht?) und essensaufnahme sich überschneiden lässt. und diese beziehung endet in dem gedicht none is safe auf seite 30, in dem die gleichzeitige an- und abwesenheit des du thematisiert wird. später kreisen die texte nur noch um diese gleichzeitigkeit, das du geistert durch die texte als der vergangene liebhaber, an den das ich sich sehnsüchtig erinnert und den es begehrt (und kannst du auch was mit pornographie)

und das ging mir manchmal unangenehm nah und ich dachte, das wären so cringy tagebucheinträge und hätten panne sexgedichte von mir selbst sein können, wenn ich mich nach jemandem verzehre

gleichzeitig erschien mir diese ambiguität von an- und abwesenheit des
dus im text als eine reflexion des schreibens, als eine auslotung des
verhältnis von text und körper und textkörper.

aber immer wenn ich versuche, letzteres prägnanter zu beschreiben,
verliere ich mich in paradoxa

does that make any sense?

In weiten Teilen stimme ich dir zu bzw. habe ähnliche Beobachtungen gemacht. Zum Beispiel, dass dir der Gedichtband wie eine Erzählung erschien, das ging mir genauso. Ich hatte das Gefühl eines textübergreifenden Narrativs. Das fand ich insofern spannend, dass für mich der Gedanke neu war, dass Gedichte wie Novels sein können, ohne gleich zu verraten “ich-bin-eine-Reihe-von-Gedichten-die-sich-aufeinander-beziehen”. Dass also die Texte einzeln stehen, aber dennoch im Zusammenhang gelesen werden können.

ich muss gestehen, dass ich gar nicht so viele gedichtbände komplett gelesen habe.

Zweitens fiel mir
auch auf, dass permanent verhandelt wird, dass die Texte Texte sind und damit
eben fiktional bzw. ein Produkt der Autorin und mehrmals weist sie darauf hin,
dass alles nur ausgedacht sei. Es also immer wieder um die Erfindung des
Gedichts und des Dus und trotzdem vermittelt es den Eindruck einer Realität.
(Der Textrealität?) Und das finde ich einen interessanten doppelten Boden.

Insgesamt sind
die Texte recht prosaisch. Ich weiß nicht, ob das was zum
“Narrativ-Empfinden” beiträgt

gleichzeitig sind die texte formal extrem unterschiedlich. von
listenformaten kein bisschen trauriges
gedicht
oder die beiden triptychon über die mehrsprachigen gedichte hin zu
texten, die mir formal bekannt vorkamen: einsprachig, in zeilen gebrochene sätze.

aber ja, viele lassen sich ein bisschen wie prosa lesen. ich hatte das
gefühl, der text lässt mir so die wahl: lies mich als geschichte oder lies mich
ganz dicht und meta und wie jemand, der ahnung von lyrik hat

und das beinhaltet ja
auch die möglichkeit des ständigen wechsels zwischen den lesarten.

ich weiß nicht, ob die terminologie ganz passend ist, aber der text ist dann selbst wie so eine spielwiese, wo nicht nur ein sprachspiel passiert, sondern ich selbst auch sprachspiele machen kann.
wie liest du den titel?

Erstmal habe ich den Impuls, das zu Übersetzen. Dann bedeutet das für mich “Außerhalb von Text/etw. Textlichem”. Und dann ist das auch noch durchgestrichen. Also das Geschriebene aufgehoben (und doch steht es da). Das ist wie ein ständiger Verweis auf… weiß nicht, auf ein “Draußen” vielleicht und auch auf den Prozess des Schreibens (Erschaffen/Verwerfen/Entscheiden) und damit auf einen Vor-Zustand des Abgedruckten (final entschiedenen) Gedichts und damit auf eine mögliche Vor-Realität des Gedichts (wie auf einen Impuls).

textimmanent wird es in dem von dir schon erwähnten, übersetzten
gedicht als “off-text” beschrieben (ceci est un poème hors texte / das ist ein ein off-text gedicht).
also als etwas, was den text eigentlich umkreist. aber daneben ist es ja auch, weil es der verdammte
text ist (ich hab so einen knoten im hirn, wenn ich darüber nachdenke).

aber onlinewörterbücher bieten als übersetzung für hors texte auch
“einschaltbild” an, also einen anfang von etwas

Das passt auch zu den verschiedenen Formen der einzelnen Texte. Insgesamt kann das Mosaik ein Narrativ ergeben. Ich kann mir aber auch aussuchen, welche Formen mich mehr interessieren und mich dann eher darauf konzentrieren. Ich habe dabei aber nicht das Gefühl, einen wichtigen Teil der Geschichte (von der wir ja eigentlich nicht sicher sein können, ob sie da ist) zu verpassen.

hattest du eigentlich den eindruck, der text bietet eine feministische
lesart an?

wie meinst du das?

es gibt diese illustration von lauter aufgeschnittenen früchten, vor
allem papayas und granatäpfel, glaube ich. sie folgt auf das gedicht und kannst du auch was mit pornographie,
in dem – auf narrativer ebene – das ich in gedanken an das du masturbiert

dann sind auf dem bild papayas, was eines der krassesten bildverweise
auf die vulva ist. im gedicht dann gibt es die zeilen:

“brust rücken bauch lende hin-
tern meine erregung geht über in deine in meiner hand dein
schwanz
das wort brutal wie es da steht vulgär abfällig
(stell dich nicht so an, du wolltest doch pornographie)”

es folgen reflexionen über die sprachliche fassbarkeit von sex, das ich
flüchtet sich ins französische, das wäre leichter. schließlich verneint es
seinen eigenen versuch: “nein, sieht man doch, ich kann das nicht mit der
pornographie.”

ich habe mich gefragt, ob das eine auslotung ist, wie ein weibliches begehren artikuliert werden kann, vor allem, weil es eine tradition der gedichte männlicher autoren über sex gibt:

when this girl of about 15
dressed in tight blue jeans
that grip her behind like to hands
steps out in front of my car
I stop to let her cross the street
and as I watch her contours waving
she looks directly through my windshield
at me
with purple eyes
and then blows
out of her mouth
the largest pink globe of
bubble gum […][1]

oh hello charles bukowski

ja, deine
Beobachtung zu “kannst du auch was mit pornographie” teile ich. Es gab
auch an anderer Stelle eine Illustration von Eierstöcken, die mir im Gedächtnis
geblieben ist.

Insgesamt geht es
viel um Lust und das Begehren des (weiblichen) lyrischen Ichs. Insofern ist das
mit der Auslotung einer Sprachlichkeit dessen schon treffend.

Dennoch habe ich
den Band nicht dezidiert feministisch gelesen

Vielleicht auch wegen seiner cringyness im Bezug auf das unerreichbare Du.

ich hab den cringe so gefühlt. i’m digging it.

Ich glaube, dass mir nämlich genau dieser cringe zu viel war. Dass er die texte einerseits sehr nahbar macht und irgendwie unverstellt (scheinbar), aber andererseits dieses Du irgendwann eine wahnsinnige Übermacht bekommen hat und eine Omnipräsenz, dass ich irgendwann vergessen hab, dass es eben DOCH nicht in allen Gedichten darum ging. Als hätte es andere Inhalte überblendet.

ich glaube, ich habe grundsätzlich einen anderen bezug zu dem, was wir
die ganze zeit cringe nennen und was ich jetzt mal kurz inhaltlich fassen
möchte als: die gedichte, in denen das lyrische ich immer wieder um das du
kreist, während es gleichzeitig versucht, nicht um das du zu kreisen.

(das ist es doch, oder?)

einerseits erinnert es mich an chris kraus’ i love dick, einen wust an liebesbriefen an ein du, das nichts mehr ist außer objekt der begierde.

andererseits denke ich bei Stellen wie

“Aber ist hier überhaupt
von Dingen die Rede, reden wir nicht vom Abstand
zwischen den Dingen, für den Sprache
nicht taugt? Dieses Fließen der Worte […]
du und ich und der Text, der auf dem Bildschirm
Ertastbarkeit erkennen lässt
ein Relief, das realer ist
als du, als ich, als meine Lust”

(Tentakel und Wein, S.42),

dass es gar nicht um das du als eine person geht, sondern vielmehr um
das unvermögen der sprache, irgendwas zu erfassen und tatsächlich darzustellen,
die sprache ist keine darstellerin, dass der abstand zwischen ich und du im
text eigentlich der abstand ist, der beim über-setzen in sprache geschieht

Möchte
hinzufügen: in denen es (das lyrische Ich) das Du erfindet und als Fiktion
fixiert, vielleicht auch, um ihm zu entkommen oder: um es zu fassen.

Ich glaube, das,
was du beschreibst, wird immer mit verhandelt bzw. wir sind in unserem Gespräch
schon mehrmals darauf gestoßen, dass die Texte immer auch ihre Textlichkeit zum
Gegenstand machen

aber, oder
vielleicht und:

Es geht trotzdem oft genug um Körper und um eine körperlich erfahrbare Lust oder einen Schmerz. Dann fällt es mir schwer, die Lesart eines körperlosen Du anzuwenden, eines nicht personifizierten Du, wenn es an anderen Stellen so explizit darum geht. Dann ist es vielleicht ein naheliegender Kurzschluss, dieses eigentlich persönliche Du überall zu vermuten oder erkennen zu glauben.

vor allem, weil die texte ja auch eine so starke klanglichkeit haben,
dass man sie sich eigentlich schon beim stillen lesen vorlesen möchte oder
zumindest eine lautliche vorstellung davon bekommt. und damit verweisen sie ja
auch wieder auf einen – oder sind vielleicht schon einer? – körper, einen
klangkörper oder textkörper oder sowas.

“einem Knacklaut zwischen Vokalen.
Und fängt nicht in anderen Sprachen das Wort
Herz nicht mit “K” an?
Mein puckernder, puckernder
Muskel
Kör Kuraussau Kuore”
(notes sur la lettre K, S.5/6.)

“ich könnte
in Kursivbuchstaben lächeln, oder behaupten,
dass ich hier bin, um auf niemanden zu warten”
(Arte Xávega und andere erhaltenswerte Formen der Kommunikation, S. 35)

“dabei weiß jeder
alle Liebesbriefe sind lächerlich
sonst wären sie
keine Liebesbriefe.”
(retracer la ligne, S.29)

das ist vielleicht auch ein ganz netter textimmanenter kommentar zur
frage nach der cringiness

cringyness?

will jetzt den band nochmal lesen, aber quer

ist vielleicht auch eher der zugang zu einer spielwiese

“La language est une peau. Es kann auch am Licht
gelegen haben, und wir schneiden uns
ein Ohr ab, oder flüsterübersetzen. Ich hab
diese Sprache vergessen.
Ich war nie in Jerewan
(Gedicht für einen, der beim Minigolfspielen in Jerewan seinen Cousin aus Ägypten traf, den er nicht kannte, und seitdem nicht mehr an Zufall glaubt, S.6/7)

Hors Texte - Odile Kennel sex
Hors Texte – Odile Kennel

[1] Charles Bukowski: Sex. In: Charles Bukowski,
John Martin: The pleasures of the damned. Poems, 1951-1993.New York 2008. S.
52.





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