„Warum darf ich keine Busfahrerin werden?“ Lina schaut ihre Oma entzürnt an. Ihr Gesicht ist schon ganz rot vor Wut. „Ach Lina…“ beginnt ihre Oma sanft, doch Lina lässt sie gar nicht ausreden sondern sagt mit Nachdruck: „Frau Lange ist doch auch Busfahrerin und sie ist echt cool!“ Ihre Oma lächelt verkrampft. „Aber du bist doch ein Mädchen, Linchen. Mädchen machen so was nicht. Du könntest doch Krankenpflegerin werden, du machst das immer so toll, wenn deine Mama krank ist.“ Lina schnaubt. Sie hasst es, wenn ihr Oma sie Linchen nennt. „Ich will Bus fahren, das ist viel cooler, Oma. Dann bin ich die Größte auf der Straße und alle müssen Platz machen, auch du in deinem blöden Pupsauto.“ Die Oma schaut sie belustigt an: „Und was, wenn du einfach mit dem Bus zur richtigen Arbeit fährst? Dann kannst du immer vorne sitzen und machst trotzdem was Anständiges, Liebes.“

Das war zu viel. Lina schaut ihre Oma wütend an und schreit: „Ich will nix Anständiges machen!“ und rennt mit Karacho aus der Gartentür heraus, den ganzen Feldweg entlang nach Hause, wo ihr überraschter Papa fast von ihr umgerannt wird. Die Treppen rauf, rein ins Zimmer, Tür zugeschlagen und ab aufs Hochbett. Lina ist so wütend auf ihre Oma und die Welt, dass ihr große Wuttränen die Wange hinunterlaufen. Aber sie will nicht weinen, sie will stark sein, denn Busfahrerinnen hat sie noch nie weinen sehen. Also wischt sie sich die salzigen Tränen grob vom Gesicht und schreit ins Kissen: „Mannnoooooo, ich will doch nur Busfahren!“ In dem ganzen Trubel merkt Lina gar nicht, dass ihr Papa still und heimlich in ihr Zimmer geschlichen ist. Erst als sie seine warmen, weichen Hände auf ihrem Rücken spürt, schreckt sie hoch und weint jetzt doch ein bisschen, als sie das besorgte Gesicht ihres Papas vor ihr sieht. „Was ist denn los, mein Schatz?“ fragt er. „Oma hat gesagt, ich darf nicht Busfahrerin werden“, schluchzt Lina heftig. Ihre Tränen bilden schon einen kleinen See auf ihrem Kissen. Sie zieht die Nase hoch und ihr Papa merkt, dass Lina erst mal ein bisschen verschnaufen muss, bis sie ihm sagen kann, was genau los ist. „Magst du einen Kaba?“, fragt ihr Papa sanft. Kaba ist ihr Lieblingsgetränk und es hilft immer gegen Tränen und blöde Situationen, also nickt sie und vergräbt sich wieder unter der Bettdecke, bis ihr Papa mit der Wundermilch wieder kommt. Gierig schluckt sie das Kakaogetränk hinunter. Ein bisschen kann sie schon wieder lächeln. Danke Papa.“, murmelt sie und lässt sich noch ein bisschen über die Stirn streicheln, bis sie ihm alles erzählen kann. „So jetzt mal ganz von vorne ja? Was hat Oma gesagt?“ „Ich darf keine Busfahrerin werden!“ murmelt Lina. Blöde Tränen, denkt sie. Ihr Papa runzelt die Stirn „Aber warum meint denn Oma, das wäre verkehrt?“ „Och, ich weiß doch auch nicht. Sie sagt, ich soll Krankenschwester werden, aber das will ich doch gar nicht! Papa, mach doch was!“, quengelt Lina. Ihr Papa schaut sie nachdenklich an. Ein paar Sekunden vergehen, bis er meint: „Weißt du, Oma ist schon ein bisschen älter und damals, als sie so alt war wie du, gab es Busfahrerinnen noch nicht. Deswegen kann sie sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie cool es ist, Busfahrerin zu sein. Nimm ihr das nicht übel.“ Lina ist verwundert und runzelt die Stirn. „Warum gab es denn früher keine Busfahrerinnen?“ So etwas kann sie sich gar nicht vorstellen. „Weißt du, früher war alles ganz schön anders, da sollten Frauen am besten gar nicht arbeiten und zu Hause bei ihren Kindern bleiben, um Hausfrau zu sein.“ Lina ist verwirrt. „Aber Mama arbeitet doch auch ganz viel und das schon immer!“ „Ja, Mama ist auch in einer anderen Zeit groß geworden als Oma, da hat sich ganz schön viel verändert. Für sie sind viele Berufe heutzutage noch ganz neu. Vielleicht wäre Oma, wenn sie heutzutage aufgewachsen wäre, auch Busfahrerin geworden. Nimm dir das nicht so zu Herzen, ja?“ Und mit einem Lächeln fügt ihr Papa hinzu: „Von mir aus darfst du alles werden was du willst.“ Lina schaut ihn ungläubig an. „Echt?“ „Ja echt. Und mit Oma rede ich noch mal, okay?“ Ihr Papa streichelt ihr liebevoll über den Kopf. „Magst du noch mal mit runter kommen und wir lesen ein bisschen was zusammen?“ „Ja!“ ruft sie und fällt vor lauter Erleichterung fast aus dem Hochbett.

 

Am nächsten Morgen wacht Lina schon so früh auf, dass sie die Erste ist, die aufsteht und die Leiter ihres Hochbetts hinab steigt. „Was mache ich denn jetzt?“, fragt sie sich, aber schwuppdiwupp hat sie schon eine Idee. Sie schleicht sich mucksmäuschenstill aus ihrem Zimmer, den langen Gang entlang und in das Zimmer ihrer Eltern hinein, die friedlich schlummernd und eingekuschelt da liegen. Kichernd steht sie vor dem Holzrahmen und hält sich gerade noch so den Mund zu, um nicht von ihnen gehört zu werden. Mit einem riesigen Hechtsprung landet sie auf dem Fußende des Bettes, schwankt hin und her, findet ihr Gleichgewicht wieder und lässt sich mit einem lauten Kawumms auf Mama und Papa fallen. „Lina, was ist denn los?“ rufen die beiden erschreckt wie im Chor. „Aus den Federn! Aus den Federn!“, ruft sie und kichert. „Du kommst erst mal wieder in die Federn, junge Dame. Es ist Sonntag“, murmelt Mama schlaftrunken und schwupps legen sich zwei warme, weiche Arme um ihre Taille. Die Bettdecke duftet frisch gewaschen und Lina kann gar nicht anders, als sich wohl zu fühlen. „Na gut, aber nach dem Kuscheln gibt es Frühstück.“ murmelt sie und schläft sofort wieder ein.

In ihrem Traum sitzt Lina hoch oben auf einem gemütlich wippenden Fahrersitz, vor ihr das riesige Lenkrad und im Rückspiegel ihre ganze Schulklasse, die sie beim Fahren anfeuert. Lina fühlt sich super. Sie ist die Größte auf der Straße und alle Pupsautos weichen zur Seite. Als sie die nächste Haltestelle anfährt ist sie so im Freudentaumel, dass sie gar nicht merkt, dass eine alte Frau zu ihr einsteigt und sich direkt neben sie stellt. „Hallo Linchen“, sagt sie. Lina dreht sich erschrocken zur Seite: „Oma? Was machst du denn hier?“ Sie hätte jeden erwartet, aber doch nicht ihre eigene Oma, die in den Bus einsteigt. „Na ich wollte mal sehen, wie du dich machst, kleine Busfahrerin“, meint sie und schmunzelt. „Ich hätte nicht gedacht, dass du das so gut kannst.“

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von © Jelena Kern





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