Mark, Raffael und ich sitzen vor der Haltestelle am Käthe-Kollwitz Weg auf dem Bordstein und
rauchen. Raffael shuffelt die Modus Mio auf seinem Samsung. Seit Jahren habe ich hier keinen
Bus mehr fahren sehen.

_Junge, du kannst doch Bonez nich skippen.
_Lass entweder laufen oder mach den scheiß ganz aus. Oder mach lieber mal was von Kendrick,
die scheiß Atzenmucke will doch hier eh keiner hören.
_Ihr könnt euch alle mal verpissen, jetzt rollt nämlich die Straßenbande durch die Stadt.

Raffael springt auf.

_Sie wollen wissen, um was es hier geht?
Man kann sagen, es dreht sich um Drogen oder Knarren
Oder verantwortungslose Jugendliche oder ach was weiß ich!
Aber bei der ganzen Geschichte geht es um Erziehung…

_Du Spast ey, du bist krass neben dem Takt.

Lachend werfe ich die leere Malboropackung in Raffaels Richtung und schaue ihm dabei zu, wie er sich zum Affen macht. Beim Refrain sind wir dann aber doch dabei.

Eine alte Oma auf der anderen Straßenseite schaut pissig zu uns rüber und wir werden noch ein bisschen lauter

Da wo Straßen noch zu ihren Namen führen

Beim zweiten Vers ist die Luft dann raus. Raffael spricht noch die ersten paar Sätze vor sich hin,
lässt es dann aber auch bleiben und setzt sich wieder neben uns.

_Was is jetzt eigentlich mit Jakob?
_Was denn für’n Jakob?

Mark glotzt blöd.
_Der besucht noch seine Mutter, glaub ich.
Raffael spricht, ohne von seinem Handy hochzuschauen.

_Mann, was denn für’n Jakob?
_Metzler.
_Ich kenn keinen Metzler.
_Jakob Metzler? Klar kennst du den. Der war früher bei mir und Raffa in der b. Der is dann
irgendwann aufs Gymi.

_Den kenn ich nich. Ich kenn keine Gymi-Bonzen.
_Klar kennst du den und der is auch keine Bonze. Das ist der, der mal mit Natalie zusammen war. Locker zwei Jahre oder so.
_Mit unsrer Natalie?
_Ja mit der Pohl halt.
_Hä, ist die nicht ne Lesbe?
_Ne die is bi, glaub ich.
_Aso.

Da wo Straßen noch zu ihren Namen führen

_Was macht der Ex von Natalie denn in Hannover?
_Was man nach dem Gymi halt so macht. Studieren und so.

_Ahja. Bestimmt so’n Klugscheißer.
_Jetzt halt doch mal die Fresse, Mark. Nicht jeder der aufs Gymi geht ist gleich ein Klugscheißer
und außerdem kennst du den, was ich dir auch schon so siebenmal in den letzten fünf Minuten
erklärt habe. Jetzt streng das letztes bisschen Hirn an, was du dir noch nicht weggesoffen hast
und versuch wenigstens dich zu erinnern. Groß, dünn, braune Haare,…
_Ich kenn den nicht, ich kenn keine Gymi-Bonzen!
_Weißt du was, scheiß drauf. Dann kennst du den halt nicht und lernst ihn eben gleich kennen.

Genervt fummle ich ein neue Schachtel aus der Tasche und stecke mir eine an. Nach jedem Zug
spucke ich ein bisschen auf die Straße. Jedesmal ein Stückchen weiter.

Wir schweigen ein wenig.

_Und was will der hier? Bisschen Elendstourismus für Akademiker oder was? Einfach mal gucken
was die Hängengebliebenen so machen? Uns erzählen wie groß das alles in Hannover ist, im
Vergleich zu unseren verschissenen Bungalows?

_Alter, Mark, chill mal. Jakob ist korrekt, also sei du’s auch, okay?
_Jaja, alles gut.

Wir schweigen wieder ein bisschen, während Bonez im Hintergrund rappt.

…Meer aus Benzin
Ohne Sand, aber macht nichts
Drehe Runden auf’m Roller
Wird ‘n bisschen kalt, wenn es…

_Ich versteh halt nur nicht was der hier..
_Arrrgghhh

Ich fahre mir durch die Haare.

_Du gehst mir krank auf den Sack, weißt du das? Der besucht halt seine Mutter und chillt
bisschen mit uns. Was man halt so macht.

Mark sagt nichts.

Mark, Raffael und ich sitzen vor dem Combi-Markt auf einer kleinen Mauer und warten auf Jakob.
Ich spiele mit meinem Clipper und lasse die Füße rhythmisch gegen die Wand klatschen. Raffael
hängt wie immer vor seinem Handy und ich frage mich, ob er von der gekrümmten Haltung nicht
irgendwann mal total Rückenschmerzen bekommen müsste. Auf jeden Fall schlecht für die
Augen, dieses dauerhafte Handygehänge. Mark macht eigentlich nichts und guckt nur angepisst
in der Gegend rum. Vielleicht ist das aber auch sein normaler Gesichtsausdruck. Es fällt mir immer
schwerer, das bei ihm zu unterscheiden.

Raffael liest uns gerade irgendeinen 9GAG-Post vor, als Mark ruckartig seinen Kopf nach hinten
dreht und ihn unterbricht.

_Was ist denn eigentlich der Combi-Markt für ein beschissener Treffpunkt. Das schreit ja nach hängengebliebenen Dorfspacken. Abhängen vor dem Supermarkt, lower gehts ja wohl nicht.
_Was ist denn dein Problem? Wir sind doch ständig hier. Gestern hast du auch nicht so rumgestresst.

_Ja, aber gestern gab’s auch diesen Bonzen-Jakob noch nicht. Der will uns doch nur eins
reindrücken. Sich einfach mal so richtig geil fühlen, dass er’s rausgeschafft hat aus dem
verschissenen Bomlitz.

Mark lässt sich gegen die Hecke sacken.

Jakob kommt pünktlich und mit einem Fahrrad, das aussieht als hätte er es einer Achtjährigen
geklaut. Damit ist er der einzige über 18-Jährige der in Bomlitz nicht mit dem Auto unterwegs ist.
Naja außer uns, aber das ist was anderes.

_Ich weiß. Zwosiebzehn. Party bei Natalie, du bist übers Balkongeländer auf mich drauf gefallen und hast erstmal ordentlich abgereihert.
Raffael lacht.

_Stimmt, das hab ich völlig vergessen. Alter ich hab noch nie jemanden gesehen der so wasted
war, wie du an dem Abend. Ich glaub da gibt’s sogar noch Fotos von.

Sofort beginnt er an seinem Handy rumzuscrollen. Mark guckt komisch.

_Ne, lass Mark mal in Ruhe. Jetzt wird erstmal richtig gebechert. Ich mein, Alter, Jakob ist in der
Stadt.

Ich lege Jakob meinen Arm um die Schulter.

_Geil Mann! Geil, dass du da bist.
_Was trinken die Yuppies in der großen Stadt, denn so für Bier? Beck’s?
_Na genau wie hier, man nimmt was man kriegt und davon nie genug!
_So schaut’s aus.

Raffael lacht, aber ich glaube nicht, dass er das verstanden hat. Saufen halt.

Kurze Zeit später stehen wir, jeder mit einem Sixpack unter dem Arm, etwas unschlüssig vor dem
Combi-Markt. Raffael versucht verzweifelt ein Bier aus dem Träger zu fummeln ohne sein Handy
wegzulegen. Mark hat schon länger nichts mehr gesagt, ist aber auch sonst nicht der große
Small-Talker.

_Und jetzt?
_Bisschen Zocken?
_Kein Geld.
_Hmm.
_Also Eibia?!
_Eibia? Da war ich das letzte Mal mit 16 oder so. Gibt’s da nicht mega viele Zecken?
_Scheiß auf die Zecken, die räuchern wir aus. Eibia ist geil. Bisschen wie früher.
_Aber erst noch zur Tanke, ich brauch noch Drehzeug
_Hat schon zu. Da vorn ist ein Automat. Der gibt aber kein Wechselgeld.
_Du kannst welche von mir haben.

Ich hole zwei Zigaretten aus der Schachtel und zwei Bier aus der Packung. Jeweils eins davon
reiche ich an Jakob weiter.

Wir schlendern die Cordinger Straße nach unten in Richtung Eibia. Raffaels Handy spielt weiterhin
Musik, aber nur leise. Wir haben alle jeweils zwei Bier intus, 0,5, Mark schon drei.

_Sag mal Raffa, wie läufts eigentlich auf Arbeit? Bist bald fertig oder?
_Scheiß auf die Arbeit. Ich will doch nicht Elektriker werden. Jetzt wird erstmal Business gemacht.
Und zwar so richtig.
_Was denn für’n Business?
_Na Business eben. Ich kenn da wen. Gib mir mal noch so zwei, maximal drei Monate, dann gehts
hier richtig ab.
_Achso, verstehe.

Jakob wirft mir einen Seitenblick zu.

_Und du so, Mark? Was machst du?
_Nix.
_Nichts?
_Ja nichts. Problem damit?

_Ne, gar nicht, jeder wie er will.
Jakob schmunzelt, Mark nicht.

_Ey denkst du ich hab mir das ausgesucht? Denkst du ich will im verschissenen Bomlitz
abhängen, bis ich alt und fett bin. Denkst du ich bin so ein Hinterwälderspacko, der sich nichts
Schöneres vorstellen kann, als ein Haus mit nem bekackten Trampolin im Vorgarten?
_Ne, ne, gar nicht. Ich kenn bloß niemanden der einfach nichts macht. Bei uns in der Stadt macht
jeder immer irgendwas. Ich war überrascht.
_Jetzt kennst du wen. Find dich damit ab.

Im Wald ist es schon fast dunkel, aber wir kennen die Wege. Wir trinken und rauchen, trinken und
rauchen, Schluck um Schluck und Zug um Zug. Immer abwechselnd. Zwischen den alten
Geschichten lauschen wir den Stimmen, die uns von der großen Stadt erzählen. Also eigentlich
Raffaels Handy, aber meistens ist das ein und dasselbe.

…bevor du dich versiehst
Sind wir beide in Paris
Doch ich bleib’ nur eine Nacht
Bevor du dich…

_Heftig, Alter! Dass ich nochmal saufend durch die Eibia ziehe, hätte ich nicht gedacht.
Jakob lacht.

_Ey Raffa, weißt du noch wie wir mit Natty und Lizzie hier waren, es war so krass dunkel, keine
Spur vom Mond und arschkalt war es auch.
_Klar, Mann, wir wollten unbedingt einen durchziehen.
_Und vor den beiden Girls ein bisschen angeben.

_Wir waren halt schon immer reif für unser Alter.
_Ich weiß nicht, was Reife und mit 14 heimlich im Wald kiffen miteinander zu tun haben, aber ich
weiß auf jeden Fall noch, dass wir uns dann krass verlaufen haben und wir alle mega Schiss
hatten nie wieder aus der Eibia rauszufinden.
_Muchten!

Mark lallt schon.

_Alter, Mark, wir waren vierzehn und haben uns total bekifft im Wald verirrt, da hättest du auch
Schiss gehabt.

_Also ich hätte Schiss gehabt, aber ihr Pisser habt mich zu euren kleinen Treffen ja nicht
eingeladen.
_Du warst halt einfach noch nicht ready. Jedenfals nicht so wie wir.
_Sei froh drüber, du hast dir einiges an Zecken erspart. Junge, dass ich nicht schon mit 17 an
Borreliose krepiert bin, ist echt ein Wunder.

_Mann Mark, was geht’n ab bei dir. Du bist krass unentspannt heute.
_Fuck off!
_Ich mein ja nur.
_Fuck off, hab ich gesagt.

_Stop, stop, stop! Klarer Fall! Jungs, es ist Zeit für ein Picknick.
_Alter, schon wieder? Wir sind seit dem letzten ungefähr drei Meter gelaufen.
_Jetzt musch nicht rum und mach dir’n Bier auf.
_Hat jeder eins?
_Yes!

Klack.
_Ja.
Klack.
_Immer.
Klack.
_Ahhh. Und jetzt der geilste Track überhaupt. Auf voller Lautstärke!

…alter Fernseher liegt schon draußen auf dem Müll
Weil ich hab’ jetzt zu viel Geld und kann mir kaufen, was ich will
Keine neuen Freunde heißt, wir brauchen nicht zu chillen
Bitte halt ma’ deine Schnauze und komm raus aus…

_Ne, Alter nicht schon wieder. Immer der gleiche Scheiß.
_Doch, komm. Los jetzt, alle zusammen!

Langsam fällt es mir immer schwerer geradeaus zu gucken. Entweder schwanken die Bäume im
Wind oder ich auf dem Baumstamm am Boden. Der alte Bunker vor dem wir sitzen, stehen, liegen
ist auch nicht mehr so groß, wie er früher mal war, die Graffitis mehr Rechtschreibschwäche als
Kunst. Vor lauter Rauch kann ich den Nebel bald nicht mehr sehen. Egal, ich zünde mir noch eine
an. Ich glaube Raffael ist vor einer halben Stunde ohnmächtig geworden oder eingepennt.
Jedenfalls liegt er auf dem nassen Waldboden und bewegt sich nicht mehr. Nur die Musik, die
läuft noch. Immer und immer weiter.

Jakob versucht aus den letzten Tabakkrümmeln, die er in seiner Jackentasche gefunden hat,
etwas rauchbares zu fummeln. Völlig aussichtslos. Mark hat das Sprechen endgültig aufgegeben
und säuft nur noch. Ich überlege ihm zu sagen, dass er mal langsam machen soll. Lasse es aber.
Man nimmt was man kriegt und davon nie genug. Jaja.

_Aaaalter! Jakob! Das wird nix!

Meine Stimme hallt von den Bunkerwänden.

_Laber nich, ich krieg das hin.
_Klar kriegst du das hin, der Bonzen Jakob kriegt doch alles hin.
_Mark Mann, da kriegst du ne Stunde das Maul nicht auf und dann ist das erste was du sagst
sowas. Chill mal deine Nuggets.
_Lass ihn doch. Ich kann das verstehen, das Dorfleben würde mich auch stressen. Diese ganzen
wichtigen Entscheidungen, geh ich in die Spielo mein Geld verzocken oder lunz ich doch auf der
Parkbank, saufe Billobier und pöble gegen Ausländer, Frauen oder Diedaoben.
_Was soll das jetzt heißen.
_Nix, nix ich wollte nur hyperbelmäßig darauf hinweisen, wie krass du in Stereotypen denkst und
so.

Ich könnte nicht mit Sicherheit sagen, wer von den beiden besoffener ist, aber es liegen schon
verdammt viele leere Dosen auf dem Boden und es grenzt an ein Wunder, dass sich noch keiner
zu Raffael gelegt hat.

_Willst du mir jetzt auch noch mit fancy Wörtern eins reinwürgen? Hä? Reicht es dir nicht, dass du
hier herkommst, wo dich keiner haben will und den ganzen Abend nur davon laberst was du für
ein geiler Typ bist, aus ner geilen Stadt und was wir für letzte Menschen sind, dass wir immer
noch im beckackten Bomlitz rumranzen.

Jakob lässt den Versuch einer Zigarette fallen und torkelt auf Mark zu.

_Mein Lieber, kein Grund gleich laut zu werden, du brauchst doch nur fragen. Was hast du denn
nicht verstanden? Hyperbel? Stereotyp? Oder doch das mit dem denken? Damit scheints bei dir
ja sowieso nicht soweit her zu sein.

Fuck, fuck, fuck. Ich stehe auf gehe langsam von hinten auf Mark zu.

_Sag das nochmal.
_Gerne, einmal ganz langsam für die nicht ganz so schnellen, ja? Also: Alles was du denkst ist
wahr, Mark. Alle deine Ängste sind berechtigt. Du bist ein Hinterwäldlerspacko, du wirst für immer
im verschissenen Bomlitz bleiben und du kannst dich glücklich schätzen, wenn du irgendwann
mal einen Vorgarten hast in den du dein scheiß Trampolin stellen kannst. Und weißt du warum?
Weißt du wer daran Schuld ist? Nicht ich, nicht deine Lehrer und auch nicht deine armen Eltern.
Nein. Nur du. Du bist ganz allein Schuld daran, Mark. Und weißt du warum? Weil du einfach ein
scheiß Spast bist und immer einer bleiben wirst.

Das überlebt der nicht. Ich renne los.

_Jakob, ich glaub es ist besser wenn du jetzt gehst. Und vielleicht ist es auch besser wenn du
erstmal nicht mehr wiederkommst.

Mark schnauft, ich sage nichts und sehe Jakob nach, bis er im Wald verschwunden ist. Dann
lasse ich Mark los und reiche ihm ein Bier. Ich nehme mir auch eins, wir stoßen an. Mark ext, ich
nicht. Dann stolpert er zum nächsten Gebüsch.

Raffael ist immer noch nicht aufgewacht. Ich gucke auf mein Handy, 0 Uhr 34, und klopfe Mark auf den Rücken.
_Happy Birthday, Mann, happy birthday.


„Ein besonderer Dank geht raus an meine Sprecher Thilo Kästner, Jannick Preiwisch und Jonas Teichmann. Außerdem an die Aufnahmeleitung Sophie Lissner. Merci!“





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