Re: Re: Re: Rassismus | Pfeil und Bogen

Re: Re: Re: Rassismus | Pfeil und Bogen

Der Begriff weiß’ wird in diesem Text nicht als Beschreibung einer Hautfarbe verwendet, sondern als Bezeichnung einer privilegierten Position in einem rassistischen System. Er wird deshalb mit ‘ gekennzeichnet. Der Text bildet einen Nachrichtenwechsel ab, der laufend aktualisiert wird. Diese ist die 3. Folge, die weiteren Folgen sind unten verlinkt. Arpi, wir haben uns hier schon eine ganze Weile nicht mehr geschrieben. Vielleicht, weil sich ein paar Dinge – wie das Sprechen über Rassismus – zwischen uns eingespielt haben. Jetzt werden wir bald die Stadt wechseln, und ich habe das Gefühl, dass sich dadurch einige Fragen neu stellen – zumindest für mich. Im Sommer verlassen wir gemeinsam den Ort, an dem wir uns kennengelernt haben. Wir haben hier in einer Blase gelebt, die wir uns selbst geschaffen und die wir genossen haben: unter Menschen, mit denen wir befreundet sind, mit denen wir arbeiten, mit denen wir gerne Zeit verbringen. Ich fand das immer schön und wichtig, weiß aber auch, dass es dabei für dich um mehr ging: Sicherheit. Als es klar war, dass wir weggehen, haben wir uns darum gegen eine mögliche Stadt und für eine andere entschieden: Die eine ist zwar schön, hip und bezahlbar, liegt aber in einer Region, in der jeden Tag fünf rechtsextreme Gewalttaten begangen werden. Die andere ist zwar teuer, dafür aber voller Freund*innen, kulturell divers und gleichzeitig so anonym, dass es sich bei Bedarf gut abtauchen lässt. Wenn wir mit anderen über diese Entscheidung gesprochen haben, wurde manchmal gefragt: Sollte man nicht gerade jetzt dort hinziehen? Sollten wir nicht gerade jetzt bewusste Zeichen dagegensetzen, dass sich Rechtsextreme mit Gewalt und Drohungen immer mehr...
Das Schatz im Wörthersee

Das Schatz im Wörthersee

Eine Frau zieht ihre Brille auf, um die Tränen zu verdecken. Die Hitze gewinnt über den Verstand und schickt ein Jurymitglied aus dem Rennen. Ein/e ehemalige Bachmannpreisträger/in möchte ein Lied für uns singen und tut es dann auch. Ich frage Tom Kummer, ob das Ende seines Bachmann-Textes die Antithese zu „Faserland“ sei. Seine Antwort ist eine Frage. Ich möchte mir Margot Käßmann über Literatur reden, aber traue mich nicht. Doch zuvor. Schuhe: Old Skool Vans. Zustand: getragen, ergraut. Träger: Christan Ankowitsch. Zustand: Live-Moderator beim Bachmannpreis 2019. Gerade lauscht Ankowitsch einer Lesung. Er steht an der weißen Studiowand, die ihrem Namen nicht gerecht wird. Was sich auf dem Fernsehbildschirm als Wand geriert, ist ein bespannter Rahmen, der viel Fläche, aber kaum Rückhalt bietet. Die Studiowände sind wie Klagenfurter Zebrastreifen. Bloß eine schöne Illusion. Ein Klagenfurter Zebrastreifen sichert nicht die Überquerung der Straße, sondern erhöht bloß die Überlebenschance. Die Autos preschen beinah ungebremst durch die Prärie. Wer keinen der raren Sitzplätze im ORF-Theater erwischt, der darf hinter den zwei kleinen Tribünen stehen, aber eben ohne Anlehnmöglichkeit. Das schult die Rückenmuskulatur oder wendet sich gegen eben diese. Obwohl die Sonne vorm Theater wütet, behält das Studio drinnen einen kühlen Kopf. Ein kühles Studio, damit war nach der TV-Lektüre der letzten Jahre eigentlich nicht zu rechnen. Nach Berichten ehemaliger Teilnehmer sei die größte Herausforderung nicht das Lesen vor Publikum, sondern der Versuch während der Lesung nicht zu zerschmelzen. Von diesem Savannengefühl keine Spur. Einige Menschen haben zwar ihre Fächer mitgebracht, sie bleiben aber unbenutzt neben den Stühlen liegen. Nur eine Minderheit fächert: die Juror/innen. Sie sind die eigentlichen Opfer des telegenen Ausleuchtungsfetischismus. Sie...
Da wo Straßen noch zu ihren Namen führen

Da wo Straßen noch zu ihren Namen führen

Mark, Raffael und ich sitzen vor der Haltestelle am Käthe-Kollwitz Weg auf dem Bordstein und rauchen. Raffael shuffelt die Modus Mio auf seinem Samsung. Seit Jahren habe ich hier keinen Bus mehr fahren sehen. _Junge, du kannst doch Bonez nich skippen._Lass entweder laufen oder mach den scheiß ganz aus. Oder mach lieber mal was von Kendrick, die scheiß Atzenmucke will doch hier eh keiner hören._Ihr könnt euch alle mal verpissen, jetzt rollt nämlich die Straßenbande durch die Stadt. Raffael springt auf. _Sie wollen wissen, um was es hier geht?Man kann sagen, es dreht sich um Drogen oder Knarren Oder verantwortungslose Jugendliche oder ach was weiß ich! Aber bei der ganzen Geschichte geht es um Erziehung… _Du Spast ey, du bist krass neben dem Takt. Lachend werfe ich die leere Malboropackung in Raffaels Richtung und schaue ihm dabei zu, wie er sich zum Affen macht. Beim Refrain sind wir dann aber doch dabei. Eine alte Oma auf der anderen Straßenseite schaut pissig zu uns rüber und wir werden noch ein bisschen lauter Da wo Straßen noch zu ihren Namen führen Beim zweiten Vers ist die Luft dann raus. Raffael spricht noch die ersten paar Sätze vor sich hin, lässt es dann aber auch bleiben und setzt sich wieder neben uns. _Was is jetzt eigentlich mit Jakob? _Was denn für’n Jakob? Mark glotzt blöd._Der besucht noch seine Mutter, glaub ich.Raffael spricht, ohne von seinem Handy hochzuschauen. _Mann, was denn für’n Jakob?_Metzler._Ich kenn keinen Metzler._Jakob Metzler? Klar kennst du den. Der war früher bei mir und Raffa in der b. Der is dann irgendwann aufs Gymi. _Den kenn ich nich. Ich kenn...
Meteor

Meteor

Jedes Mal, wenn du hier bist, hebst du kurz den Blick vom Marmorboden. Das Foyer hat eine hohe und schwere Decke, gestützt von schmucklosen Pfeilern. Du weißt nicht, was du bei dem Anblick genau fühlst, es ist nie ein angenehmes Gefühl. Jetzt nimmst du die wenigen Stufen, trittst in den langen Flur, der gleich anschließt. Links und rechts sind symmetrisch gegenüber schwere Holztüren mit rechteckigen Oberlichtern eingelassen. Jede ist gleich, wie Copy Paste, du kannst die Zahlen an den Schildern neben den Türen nicht ganz erkennen. Die Träger deines Rucksacks schneiden dir in die Schultern. Deine Schritte sind leise, es geht voran, da legt sich eine Hand auf deine Schulter und du senkst wieder deinen Blick auf die marmornen Kacheln. Du kennst die Geschichte der Gebäude nicht. Du weißt nicht, was Zwangsarbeiterinnen in deinem Alter in die Türen ritzten, als sie im Keller eingeschlossen waren, es wäre dir wahrscheinlich auch egal, weil das lange nach dir ist. Aber die, denen die Hände gehören, die sich ab und an auf deine Schultern legen, wissen es. Sie sagen nichts. Dazu haben sie sich entschieden. Marlene S. dagegen weiß genau, für was die Gebäude genutzt wurden. Sie ist aber vollkommen woanders: Sie steht im Wald. In ihrer Hand brennt ihre letzte Zigarette, aber das weiß sie grad noch nicht. Ihr Leben war in letzter Zeit von Enttäuschungen geprägt und seit kurzem hat sie das Gefühl, selbst eine zu sein. Das liegt an Frederike. Und an dem Alkohol. Und an ihren Eltern. An früher. Und noch viel mehr an ihr. Und vielleicht doch viel mehr am Alkohol. Und das Rauchen wird sie auch...
Ströme und Mitleid | Pfeil und Bogen

Ströme und Mitleid | Pfeil und Bogen

Rede zur Eröffnung der Spielzeit “Fluss” 2019/2020 im Literaturhaus St. Jakobi Hildesheim Der reißende Strom wird gewalttätig genannt. Aber das Flußbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig. Bertolt Brecht Der Fluss überschwemmt, verschlingt. Landunter lautet der Schrei. Ein Flut bricht über uns herein. Die Bolschewisten, die Polen, die Russen, die Juden, die Vertriebenen, die Umsiedler, die Flüchtlinge. Dagegen müssen Dämme gebaut werden. Gegen die alles vernichtende Flut, die überall eindringt, vor deren Rauschen wir nichts anderes mehr wahrnehmen. Was wir nicht verstehen, beschreiben wir als Naturvorgänge. Ist das eine Lüge? Ist das dumm? Wollen wir unsere Dummheit verschleiern? Von den Strömen und Fluten geht nicht nur Bedrohung aus, sondern auch Attraktion. Der Fluss tritt über die Ufer und der Hochwassertourismus setzt ein. Fernsehen und Internet zeigen Überflutungen von überall auf der Welt. Wahlen werden gewonnen von Politikern, die sich Gummistiefel anziehen und gegen die Flut stemmen. Warum aber das Wasser? Warum nicht Eis oder Sturm oder Dürre? Der Fluss, das Strömen, die Flut bieten nicht per se Metaphorik, die bedrohlich ist. Es geht um ihren spezifischen Gebrauch, den wir vor uns selbst verschleiern. Vieles fließt in der Sprache. All die Brunnengedichte, die Sintflut des Alten Testaments und im degenerierten Sprichwort, das stille Wasser, das unschuldig, aber auch verheißungsvoll oder unheimlich sein kann. Die Flut an Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt, an Audrucken und Kopien, die für den Unterricht verteilt werden. Politische, literarische, geistige Strömungen: Von welchen Köpfen fließt da was in welche Köpfe? Die Metapher verheißt uns die alte Wunschvorstellung einer vorsprachlichen Verknüpfung unserer Gedanken und Ideen, davon, Einfluss nehmen zu können, ganz invasiv: wir dringen ein in ein anderes...
Bye-bye, Bullerbü | Pfeil und Bogen

Bye-bye, Bullerbü | Pfeil und Bogen

Nature Writing: Erzählte Natur in der Gegenwart Ruft man Nature Writing in den Wald, kommt in den meisten Fällen Thoreau dabei heraus. Der Gründervater des grünen Genres hat 1854 mit »Walden oder Leben in den Wäldern« aufgezeigt, wie Weltflucht richtig geht. Auf seiner Zen-Reise in die Natur Massachusetts begleiten wir ihn beim Beerenlesen, beim Bohnenhacken, beim Meditieren und Romantisieren und kommen schließlich zu dem Schluss: Thoreau hat in den 165 Jahren seines hochgelobten Aussteigerlebens einen ziemlich langen Bart bekommen. Was unter den alternativen Sinnsuchern damals eingeschlagen haben mag wie die Faust Gottes, löst bei den heutigen Leser*innen vielleicht noch ein kleines Lächeln aus. So war das damals eben, als der Thoreau vor seiner Hütte saß, denkt man und ertappt sich sofort bei der Frage nach dem Ist-Zustand. An dieser Stelle sei gesagt: Weiterdenken. Wir müssen darüber sprechen, wie Natur heute erzählt werden kann und warum klare Kategorien so wichtig sind. Für eine erste Bestandsaufnahme werfen wir einen Blick in die Buchhandlungen und stellen fest: Natur hat Konjunktur. Der Drang, die Umwelt zu erfahren und sie in Zeiten des Weltenwandels auf Papier zu bannen, scheint ungebrochen – Autor*innen, wie Robert Macfarlane und Helen Macdonald sitzen mit ihrer Natur-Prosa in den höchsten Ästen der Bestsellerlisten. Fragt man im Handel dagegen explizit nach Nature Writing, wird man wahlweise in die Roman-, Sachbuch- oder Selbsthilfe-Ecke gelotst. Und genau hier liegt das Problem: Kaum jemand scheint das aufstrebende Feld als eigenes Genre wahrzunehmen. Selbst deklarierte Nature Writing-Verlage wie Matthes & Seitz taten sich lange Zeit schwer mit einer Kategorisierung. Denn: Natur ist beim Schreiben ja immer irgendwie dabei, wenn auch nicht überall so fulminant...
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