Dialog. Eine Montage | Pfeil und Bogen

Dialog. Eine Montage | Pfeil und Bogen

A: Der Dialog ist komplex, kontextabhängig und veränderlich. C: Ich glaube an das Streiten und an den Dialog. Auch wenn ich glaube, dass „der Dialog“ als solcher nervtötend sein kann und es sicher einfacher ist, sich ihm zu entziehen und ihn zu ignorieren. Vorangestellt sei, dass es hier in aller erster Linie darum geht, dass ich mich besser gefühlt habe, weil ich meine Meinung zum Ausdruck gebracht habe, als schweigend etwas über mich ergehen zu lassen. Das ist für mich auch das dahinterstehende Ziel: ein Plädoyer für Selbstbefriedigung durch Meinung. A: „Dialog“ und „Rechtspopulismus“ sind Schlagwörter, die im Zusammenhang für Missverständnisse sorgen können. Es geht nicht darum, ob und wie mit rechtspopulistischen Parteien und deren Mitgliedern umgegangen werden soll, sondern vielmehr wie im Alltag auf Menschen, die zu ähnlichen Positionen neigen, reagiert werden kann. C: „Die Hütte“ ist eine Kneipe in der Hildesheimer Nordstadt. Ein paar Tage nach der Bundestagswahl hat es mich dorthin verschlagen. Das Setting klingt wie aus einem schlechten Witz. Ein Nichtwähler aus Überzeugung, ein Grün-Wähler, ein AfD-Wähler und die Barfrau sitzen am Tresen und sprechen über Politik. Zu viele Flüchtlinge kommen nach Deutschland  und die „Ehe für alle“ ist nicht richtig, denn „die sollen machen, was sie wollen, aber nicht mit unserer Ehe“. Alle sind sich einig. Keine Pointe. B: Populismus, den es links wie rechts gerichtet gibt, ist also eine politische Strategie, in der mit einfachen und meist nicht einzuhaltenden Lösungen, Probleme angesprochen werden, die angeblich das Volk, das sind „wir hier unten“, betreffen und die von „denen da oben“, das ist: die Regierung, das Establishment, ignoriert werden. Dazu kommt in der rechts gerichteten...
Die Worte werden zu uns

Die Worte werden zu uns

Soziale Poetik ist das Geschäft der Dichtung. Es geht gar nicht anders. Die Sprache, so Robert Kelly in der Mütze, ist “der Andere in unserem eigenen Mund.” Wenn dieser Andere nicht spricht, gibt es keine Dichtung. Die Sprache der Dichtung lässt Dichter und Dichterinnen sprechen. In einem vierteiligen Gespräch mit Urs Engeler buchstabiert Kelly das aus. Die Subversion der sozialen Poetik, die politisch nicht dadurch ist, dass sie tönt, sondern Verbindungen auflöst und neue schafft, indem sie weitermacht, nicht mitmacht, zuhört, vervielfacht, durch stille Post, durch das, was die Dichtung nicht weiß, sondern was sie sich sagen lässt. Kelly nennt auch das Lassen, dieses lose Wort in seiner doppelten Ausrichtung von Erlauben und Verhindern. Dieser Widerstand, der nicht aufzulösen ist. Oder der, wo er aufgelöst wird, Dichtung nicht mehr zulässt. Der Widerstand der sozialen Poetik ist inhärent, als konstituierende Überraschung. Die Dichtung sagt etwas, von dem sie weiß, dass sie es nicht weiß. Undsoweiter. Eine ausweglose Offenbarung. Das Zuhören, das Überraschen, das Vervielfachen – alles gilt dem Anderen. Das Ich und der Andere machen, wenn es etwas wird, weiter. Zusammen und gegeneinander, als Komplizen des Selbst. “Die Worte werden zu uns.” Wenn die Subjektivierung dergestalt objektiviert wird, verändert das was, lässt etwas wachsen. Der Widerstand ist ein Zwischenstand, eine mikrotonale Distanz zwischen dem, was gesagt werden soll, und dem, was tatsächlich gesagt wird. Ein Komma, eine Lücke, eine Pause. Eine Trennung zwischen Erwartung und Realität. Wie diese schöne Handlung, wenn bei einem neu erworbenen Kleidungsstück als erstes eine Naht aufgetrennt wird. Ein alter Reissverschluss, der aufgezogen wird. Bis ins Unendliche, die ganze Zeile, Silbe für Silbe, Zeile für Zeile....
Theo und ich | Pfeil und Bogen

Theo und ich | Pfeil und Bogen

„Können wir verstecken spielen?“, quengelte Theo jetzt schon zum zweiten Mal. Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört und blätterte eine Seite in meinem Buch um. Es war ein ruhiger Nachmittag. Die Junisonne schien warm durch das Blätterdach der großen Linde, auf deren Ästen ich es mir bequem gemacht hatte. Mum und Dad waren noch in der Kanzlei, deshalb war ich allein mit meinem kleinen Bruder daheim. Meine Großeltern wohnten zwar im unteren Stockwerk unseres Hauses, doch ich hatte Oma vorhin sagen hören, dass sie noch einkaufen wollte. „Bitte!“, nörgelte Theo erneut. „Ich möchte lieber lesen“, seufzte ich genervt. „Kannst du nicht mit deinen Freunden spielen?“ „Das geht nicht“, sagte Theo und ließ den Kopf hängen. „Warum denn nicht? Habt ihr euch gestritten?“, fragte ich milde interessiert. Theo schwieg. Er blickte zu Boden und sah dabei so unglücklich aus, dass er mir fast  schon wieder Leid tat. Außerdem wirkte er blass, ein wenig müde vielleicht. „Na schön. Aber du suchst zuerst!“ Ich sprang von meinem Ast herunter und legte das Abenteuerbuch beiseite. Mein Bruder strahlte mich an, bevor er sich die Augen zuhielt und anfing zu zählen. „1, 2, 3, 4…“ „Nicht schummeln!“, rief ich. Leise lief ich los und hielt dabei nach einem geeigneten Versteck Ausschau. Unser Garten war groß, aber gepflegt. Die Gärtnerei, die meine Eltern  beauftragt hatten, hielt die Beete frei von Unkraut und den Rasen ordentlich gemäht. Es gab genügend Möglichkeiten, sich hier zu verstecken. Einzig die Hecke aus Buchen, die im Laufe der Jahre immer mehr verwachsen waren, war für uns tabu. Sie war um die zwei Meter hoch und stellte die...
STEHEN BLEIBEN. UND SICH UMSCHAUEN.

STEHEN BLEIBEN. UND SICH UMSCHAUEN.

Meinem Axolotl ist das Bein abgefallen – was bedeutet das? Nichts. Ihm wächst nämlich einfach eins nach. Alles ist ein Kreislauf oder sowas und niemand muss sich fragen, was das bedeutet. Etwas bricht ab, fängt eben wieder was Neues an. So ist das. Aber manchmal ist das eben doch nicht so. * Unter meinem Bett leben jetzt keine Monster mehr. Das hab ich eben festgestellt. Vielleicht gibt es jetzt andere. Oder sie haben nur ihre Gesichter verändert. Sie ziehen Fratzen vor dem Spiegel und schleichen durch die Köpfe. Wann haben sie den Ort gewechselt? Wie ist das passiert? Manchmal gibt es so Dinge. Das ist vielleicht wie mit dem Sommer. Du wartest ein ganzes Jahr, also fast ein ganzes Jahr auf ihn und dann ist er irgendwann da und du begreifst gar nicht, wie das passiert ist. Aber das ist dann auch egal. Denn dann ist ja Sommer. Ich hab in meinem Zimmer das Licht ausgemacht, die Rollläden runter und aus dem Flur ein Feuerzeug geholt – ich wollte, dass da Stille ist im Raum, und dunkel ist immer auch still. Und vorm Spiegel hab ich dann das Feuerzeug angemacht und mich angeschaut. Was ist das für ein Gesicht, was ich da habe im Halbdunkeln? In meinem Zimmer ist es still. Auf dem Flur sind Stimmen. „Wo ist mein Feuerzeug?!“ die Schwester. „Zuhause wird nicht geraucht.“ die Mutter. „Wo ist mein Feuerzeug, das lag doch hier!“ „Auch nicht im Garten!“ Irgendwas Kleines flattert an meine Nase, ich schnaube und wedle es so mit der Hand weg. Aber es kommt wieder und ich leuchte es ein bisschen mit dem Feuer...
Opa, der kleine Junge | Pfeil und Bogen

Opa, der kleine Junge | Pfeil und Bogen

Opa kämmt sich mit der Gabel sein Haar. Ich muss lachen, wie jedes Mal. Mama nimmt ihm verärgert die Gabel aus der Hand. Wahrscheinlich, weil er ihren Kartoffelbrei mal wieder nicht angerührt hat. Aber wie würde das denn aussehen, dann wäre sein Haar ja ganz gelb und klebrig von dem Brei! Also unterbrach Mama ihr Essen und führte ihn Gabel für Gabel zum Mund. Opa war schon immer so. Eigen, meint Mama, er halt, meine ich. Und Papa sagt dement. Was wir aber nicht verstanden haben, obwohl er mir es einmal buchstabiert hat. Er vergisst manchmal etwas, aber wer tut das nicht. Vor etwa 1, 2 , 3 Jahren, weil jetzt bin ich 10, da war er tatsächlich mal für ein halbes Jahr sehr seltsam. Er stritt viel mit Vater, Mama ignorierte er vollkommen und ich musste immer ganz gerade am Mittagstisch sitzen, bis ich alles aufgegessen hatte. Aber jetzt, da ist er ruhiger, streitet nicht mehr und spielt viel mit mir. Und er erzählt Geschichten, als er genauso alt war wie ich. Oh, wie er erzählen kann, und ich mache das dann immer nach. Letztens haben wir aus Kastanien kleine Tiere aus dem Wald nachgebastelt, Igel und Rehe. Einen Igel hatten wir auch einmal im Garten. Da haben wir ihm sehr viel Essen gegeben, weil das muss für einen Igel ein paar Monate reichen, weil so lange schlafen die. Ehrlich! Erst im Frühjahr wachen sie wieder auf, und dann haben die natürlich einen Bärenhunger, auch wenn sie Igel sind. Das hat mir Opa so erklärt. Am Wochenende nennt er mich dann auch immer Igel- statt Langschläfer. Was mich...
Das unsichtbare Schloss | Pfeil und Bogen

Das unsichtbare Schloss | Pfeil und Bogen

Nun ist es schon ein Jahr her, seit ich Nino kenne. Ein ganzes Jahr. Wir haben uns im Mai zum ersten Mal getroffen. An einem Tag, der stürmisch an den Fenstern rüttelte. Die Vögel am Himmel kämpften sich voran und die Bäume hielten an ihren jungen Blättern fest, damit der Wind sie nicht rupfen und forttragen konnte. Für meinen Schulweg brauchte ich zehn Minuten. Jedenfalls an anderen Tagen. An diesem Tag, von dem ich erzähle, kam ich nie bei der Schule an… An jenem Tag wurde ich, noch bevor ich die Haustür öffnete, von unserer Katze aufgehalten. Sie wollte mich jeden Tag davon abhalten, in die Schule zu gehen. Dann schlich sie mir schnurrend um die Beine und forderte mit ihren großen, sanften Katzenaugen, dass ich sie am Bauch und hinter den Ohren kraulte. Doch an diesem Tag, wollte sie nur kurz gestreichelt werden. Dann stupste sie mit ihrer Nase meine Hand und ging zur Tür. Als wolle sie sagen: Du musst jetzt los. Heute ist ein besonderer Tag. Auf den Straßen war kein Mensch. Viel zu grau waren sie, viel zu grau war der Himmel. Der Wind brauste, als erzähle er Schauergeschichten. Obwohl ich spät dran war, ließ ich mir Zeit. Ich hatte es nicht sonderlich eilig, in die Schule zu kommen… Als ich an der großen Bahnhofsuhr vorüber lief, zeigte sie fünf vor acht. Noch fünf Minuten also, dann würde die Glocke schellen und der Unterricht beginnen. Ich stellte mir vor, dass die Straßen deshalb so leergefegt waren, weil die Schule ausfiel. Im Winter passierte das manchmal, wenn der Schnee so hoch lag, dass die Straßen gesperrt...
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