Mit Rechten reden? | Pfeil und Bogen

Mit Rechten reden? | Pfeil und Bogen

Über eine nicht enden wollende Debatte In den letzten Wochen häufen sich wieder Beiträge, die sich mit der Frage auseinandersetzen: Mit Rechten reden, ja oder nein? Dabei wird meistens so getan, als gäbe es jeweils genau eine richtige und eine falsche Antwort: „Ausgrenzen!“, sagen die Einen. Oder: „Ernst nehmen!“, die Anderen. So übersieht das Gros der Beiträge, vermutlich bewusst, dass die Dinge komplexer liegen: Auf den Kontext kommt es an, ob und wie mit Rechten geredet werden sollte. Und natürlich auf die eigene Position. Seit die Autorin Margarete Stokowski Anfang November eine Lesung in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl abgesagt hat – Grund dafür waren Werke rechtsextremer Verlage im Sortiment –, überschlagen sich Kommentare, die ihre Entscheidung anfechten oder verteidigen. Stokowski wird als Vertreterin einer moralistischen, links-liberalen Echokammer geschmäht, genau wie als antifaschistische Publizistin mit Haltung gefeiert. Dazwischen gibt es wenig. Was eigentlich genau passiert ist, scheint die meisten zwar nicht zu interessieren, lässt sich aber in der offiziellen Stellungnahme der Autorin nachlesen: Es war Michael Lemling, der Inhaber der Buchhandlung, der den Vorgang im Nachhinein und entgegen anderer Absprachen skandalisierte. So ziemlich alle größeren Medien griffen den Fall dankbar auf, sponnen ihnen über mehrere Tage weiter und schrieben Stokowski wahlweise zur Kronzeugin oder Hauptangeklagten einer neuen Runde der Debatte hoch, die dem demokratisch eingestellten Teil der deutschen Bevölkerung seit dem Auftauchen von AfD und „PEGIDA“ immer stärker zur Distinktion nach innen dient. Vordergründig geht es allen um die Zukunft der Demokratie. Der Subtext aber stellt die Gesinnungsfrage: Wer ist demokratischer von uns? Ende des Monats dann veröffentlichte der Sprachforscher Eric Wallis einen Text, in dem er sich auf die...
Schrille Töne auf engen Bühnen

Schrille Töne auf engen Bühnen

Zunächst war da nur die Bitte um einen Essay zu „mehrsprachiger Literatur“. Ich war angetan, sagte bedenkenlos zu und zupfte sofort Barbara Köhlers neuen Band 42 Ansichten zu Warten auf den Fluss aus dem Regal. In ihm finden sich Passagen wie die folgende: „Wir werden uns erinnern, werden übersetzen, über den Fluss werden wir sprechen am Kanal, mit Blick auf Sonnenuntergänge und den grünen Saum… Quelle Source...
Dialog. Eine Montage | Pfeil und Bogen

Dialog. Eine Montage | Pfeil und Bogen

A: Der Dialog ist komplex, kontextabhängig und veränderlich. C: Ich glaube an das Streiten und an den Dialog. Auch wenn ich glaube, dass „der Dialog“ als solcher nervtötend sein kann und es sicher einfacher ist, sich ihm zu entziehen und ihn zu ignorieren. Vorangestellt sei, dass es hier in aller erster Linie darum geht, dass ich mich besser gefühlt habe, weil ich meine Meinung zum Ausdruck gebracht habe, als schweigend etwas über mich ergehen zu lassen. Das ist für mich auch das dahinterstehende Ziel: ein Plädoyer für Selbstbefriedigung durch Meinung. A: „Dialog“ und „Rechtspopulismus“ sind Schlagwörter, die im Zusammenhang für Missverständnisse sorgen können. Es geht nicht darum, ob und wie mit rechtspopulistischen Parteien und deren Mitgliedern umgegangen werden soll, sondern vielmehr wie im Alltag auf Menschen, die zu ähnlichen Positionen neigen, reagiert werden kann. C: „Die Hütte“ ist eine Kneipe in der Hildesheimer Nordstadt. Ein paar Tage nach der Bundestagswahl hat es mich dorthin verschlagen. Das Setting klingt wie aus einem schlechten Witz. Ein Nichtwähler aus Überzeugung, ein Grün-Wähler, ein AfD-Wähler und die Barfrau sitzen am Tresen und sprechen über Politik. Zu viele Flüchtlinge kommen nach Deutschland  und die „Ehe für alle“ ist nicht richtig, denn „die sollen machen, was sie wollen, aber nicht mit unserer Ehe“. Alle sind sich einig. Keine Pointe. B: Populismus, den es links wie rechts gerichtet gibt, ist also eine politische Strategie, in der mit einfachen und meist nicht einzuhaltenden Lösungen, Probleme angesprochen werden, die angeblich das Volk, das sind „wir hier unten“, betreffen und die von „denen da oben“, das ist: die Regierung, das Establishment, ignoriert werden. Dazu kommt in der rechts gerichteten...
Die Worte werden zu uns

Die Worte werden zu uns

Soziale Poetik ist das Geschäft der Dichtung. Es geht gar nicht anders. Die Sprache, so Robert Kelly in der Mütze, ist “der Andere in unserem eigenen Mund.” Wenn dieser Andere nicht spricht, gibt es keine Dichtung. Die Sprache der Dichtung lässt Dichter und Dichterinnen sprechen. In einem vierteiligen Gespräch mit Urs Engeler buchstabiert Kelly das aus. Die Subversion der sozialen Poetik, die politisch nicht dadurch ist, dass sie tönt, sondern Verbindungen auflöst und neue schafft, indem sie weitermacht, nicht mitmacht, zuhört, vervielfacht, durch stille Post, durch das, was die Dichtung nicht weiß, sondern was sie sich sagen lässt. Kelly nennt auch das Lassen, dieses lose Wort in seiner doppelten Ausrichtung von Erlauben und Verhindern. Dieser Widerstand, der nicht aufzulösen ist. Oder der, wo er aufgelöst wird, Dichtung nicht mehr zulässt. Der Widerstand der sozialen Poetik ist inhärent, als konstituierende Überraschung. Die Dichtung sagt etwas, von dem sie weiß, dass sie es nicht weiß. Undsoweiter. Eine ausweglose Offenbarung. Das Zuhören, das Überraschen, das Vervielfachen – alles gilt dem Anderen. Das Ich und der Andere machen, wenn es etwas wird, weiter. Zusammen und gegeneinander, als Komplizen des Selbst. “Die Worte werden zu uns.” Wenn die Subjektivierung dergestalt objektiviert wird, verändert das was, lässt etwas wachsen. Der Widerstand ist ein Zwischenstand, eine mikrotonale Distanz zwischen dem, was gesagt werden soll, und dem, was tatsächlich gesagt wird. Ein Komma, eine Lücke, eine Pause. Eine Trennung zwischen Erwartung und Realität. Wie diese schöne Handlung, wenn bei einem neu erworbenen Kleidungsstück als erstes eine Naht aufgetrennt wird. Ein alter Reissverschluss, der aufgezogen wird. Bis ins Unendliche, die ganze Zeile, Silbe für Silbe, Zeile für Zeile....
Theo und ich | Pfeil und Bogen

Theo und ich | Pfeil und Bogen

„Können wir verstecken spielen?“, quengelte Theo jetzt schon zum zweiten Mal. Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört und blätterte eine Seite in meinem Buch um. Es war ein ruhiger Nachmittag. Die Junisonne schien warm durch das Blätterdach der großen Linde, auf deren Ästen ich es mir bequem gemacht hatte. Mum und Dad waren noch in der Kanzlei, deshalb war ich allein mit meinem kleinen Bruder daheim. Meine Großeltern wohnten zwar im unteren Stockwerk unseres Hauses, doch ich hatte Oma vorhin sagen hören, dass sie noch einkaufen wollte. „Bitte!“, nörgelte Theo erneut. „Ich möchte lieber lesen“, seufzte ich genervt. „Kannst du nicht mit deinen Freunden spielen?“ „Das geht nicht“, sagte Theo und ließ den Kopf hängen. „Warum denn nicht? Habt ihr euch gestritten?“, fragte ich milde interessiert. Theo schwieg. Er blickte zu Boden und sah dabei so unglücklich aus, dass er mir fast  schon wieder Leid tat. Außerdem wirkte er blass, ein wenig müde vielleicht. „Na schön. Aber du suchst zuerst!“ Ich sprang von meinem Ast herunter und legte das Abenteuerbuch beiseite. Mein Bruder strahlte mich an, bevor er sich die Augen zuhielt und anfing zu zählen. „1, 2, 3, 4…“ „Nicht schummeln!“, rief ich. Leise lief ich los und hielt dabei nach einem geeigneten Versteck Ausschau. Unser Garten war groß, aber gepflegt. Die Gärtnerei, die meine Eltern  beauftragt hatten, hielt die Beete frei von Unkraut und den Rasen ordentlich gemäht. Es gab genügend Möglichkeiten, sich hier zu verstecken. Einzig die Hecke aus Buchen, die im Laufe der Jahre immer mehr verwachsen waren, war für uns tabu. Sie war um die zwei Meter hoch und stellte die...
STEHEN BLEIBEN. UND SICH UMSCHAUEN.

STEHEN BLEIBEN. UND SICH UMSCHAUEN.

Meinem Axolotl ist das Bein abgefallen – was bedeutet das? Nichts. Ihm wächst nämlich einfach eins nach. Alles ist ein Kreislauf oder sowas und niemand muss sich fragen, was das bedeutet. Etwas bricht ab, fängt eben wieder was Neues an. So ist das. Aber manchmal ist das eben doch nicht so. * Unter meinem Bett leben jetzt keine Monster mehr. Das hab ich eben festgestellt. Vielleicht gibt es jetzt andere. Oder sie haben nur ihre Gesichter verändert. Sie ziehen Fratzen vor dem Spiegel und schleichen durch die Köpfe. Wann haben sie den Ort gewechselt? Wie ist das passiert? Manchmal gibt es so Dinge. Das ist vielleicht wie mit dem Sommer. Du wartest ein ganzes Jahr, also fast ein ganzes Jahr auf ihn und dann ist er irgendwann da und du begreifst gar nicht, wie das passiert ist. Aber das ist dann auch egal. Denn dann ist ja Sommer. Ich hab in meinem Zimmer das Licht ausgemacht, die Rollläden runter und aus dem Flur ein Feuerzeug geholt – ich wollte, dass da Stille ist im Raum, und dunkel ist immer auch still. Und vorm Spiegel hab ich dann das Feuerzeug angemacht und mich angeschaut. Was ist das für ein Gesicht, was ich da habe im Halbdunkeln? In meinem Zimmer ist es still. Auf dem Flur sind Stimmen. „Wo ist mein Feuerzeug?!“ die Schwester. „Zuhause wird nicht geraucht.“ die Mutter. „Wo ist mein Feuerzeug, das lag doch hier!“ „Auch nicht im Garten!“ Irgendwas Kleines flattert an meine Nase, ich schnaube und wedle es so mit der Hand weg. Aber es kommt wieder und ich leuchte es ein bisschen mit dem Feuer...
X