Thomas Friz

„Im Scheitern liegt der Erfolg“

An einem Sonntag im Herbst 1969 stürmt Thomas Friz die Tübinger Stiftskirche. „Eh du predigst, versöhne Dich mit deiner Schwester“, rufen er und seine Kommilitonen von der Basisgruppe Theologie, die Bergpredigt zitierend. Vorwurfsvoll richten die Theologiestudenten ihre beschrifteten Transparente in Richtung Kanzel. Dort versucht der Landesbischof Erich Eichele vor der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche die letzte Predigt seiner Laufbahn zu halten, bevor er den Ruhestand antrat. Genau das will Thomas Friz, selbst im Pfarrhaus aufgewachsen, verhindern, da Eichele die Kommilitonin Regula Rothschuh durch das Examen rasseln ließ. Wegen einer Handvoll aufmüpfiger Theologiestudenten musste die Tübinger Gemeinde also auf die lang erwartete Predigt des ehrwürdigen Erich Eichele verzichten. Auch ein Freund der Familie Friz, der Oberkirchenrat Gottschick war damals vor Ort. Gleich am Nachmittag erzählt er Thomas‘ Vater, dem Stuttgart Pfarrer Hans Friz, vom Aktivismus seines Sohnes: „Da war auch dein Sohn dabei!“ Obwohl die Studenten anschließend durch die Gemeindehäuser ziehen, um „Aufräumarbeiten“ zu leisten und sich für ihre Überreaktion zu entschuldigen, bricht der 20-jährige Thomas Friz sein Theologiestudium in Tübingen bald darauf ab. Der Grund dafür bleibt unklar. Die seelsorgerische Arbeit als Pfarrer hätte er sich sowieso nicht vorstellen können, sagt er heute: „Ich hatte einfach nicht dasselbe Gottvertrauen wie mein Vater. Die Erwartungen einer Gemeinde hätte ich nie erfüllen können.“

Musiker statt Pfarrer

Stattdessen wurde Thomas Friz Liedermacher. Thomas Friz ist der Bruder meines Vaters. Diese Geschichte erzählt er an seinem 66. Geburtstag nicht zum wiederholten Male. Vielleicht, weil sie einen Wendepunkt in seinem Leben darstellt. Vielleicht, weil sie ein erstes von einigen Ereignissen ist, das seinem Leben von heute auf morgen eine vollkommen andere Richtung gab. Wir sitzen in der Bauernstube des Strudelhofs, wenige Serpentinen unterhalb seines jetzigen Heimatortes Hohenstaufen. Zur Feier seines Geburtstages essen wir gemischten Braten mit Spätzle und Soß‘. Seit ich ihn ziemlich genau vierzig Jahre nach seiner kirchlichen Protestaktion schwer betrunken auf der Straße eingesammelt habe, ist er für mich nicht mehr nur der kauzige Onkel mit den langen grauen Haaren und der Gitarre. Wenn ich ihn zur Beerdigung seiner Mutter oder zu Geburtstagen abgeholt habe, hat er in mir ein offenes Ohr gefunden für seine Geschichten über Wolf Biermann und Rudi Dutschke. Auch von seinem Vater hat er mir erzählt, der ihm in seiner Bibliothek neue Welten eröffnete. Nun versucht Thomas, mir mit stoischer Beharrlichkeit Alfred Andersch und Ror Wolf nahezubringen: Die müsse ich unbedingt lesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dass ich Thomas nun eingeladen habe, von seinem Leben, insbesondere von seiner Karriere als Musiker zu erzählen, ist Folge des lange gehegten Wunsches, den nicht selten zum „schwarzen Schaf“ erklärten Onkel besser kennenzulernen. Nicht erst bei diesem Interview drängen sich Parallelen abseits der Physiognomie auf: Wir sind beide im Pfarrhaus aufgewachsen und genau wie Thomas habe ich mein erstes Studium abgebrochen. Freundinnen, denen ich von der Idee erzähle, meinen Onkel zu porträtieren, fragen, ob ich in ihm eine Vaterfigur suche. Ob ich meinen Onkel um seine Radikalität beneide. Um seinen Ausbruch aus dem Bürgertum oder vielleicht zumindest um den Zeitgeist des Aufbruchs, den er als junger Musiker miterlebt hat. Auch wenn ich all diese Deutungen leichtfertig beiseite wische, beeinflussen sie doch unsere Gespräche Anfang März, von denen ich selbst nicht weiß, was ihr Ziel sein soll. Vielmehr als ein bestimmtes Ergebnis interessiert mich, was dieser Prozess mit ihm, mit mir, mit unserer Beziehung macht.

Ohne Umschweife kommt Thomas auf seine Jugend zu sprechen. Er erzählt von Nebenjobs, von „unvergesslichen Auftritten“ und davon, dass er gar nicht wisse, was an seinem Leben so interessant sei. Zu Fuß ist er nicht mehr der schnellste. Sein hagerer, beinahe wackliger Körper verweist auf den androgynen Jüngling, der er einst war. Wie auf den meisten historischen Bildern trägt er auch heute einen Strickpulli in gedecktem Grün oder Dunkelblau. Bevor es losgeht, raucht er noch eine Zigarette. Dann legt er die schlaksigen Beine übereinander, um sie in den nächsten drei Stunden kaum einmal zu bewegen.

„Das werde ich nie vergessen“

Nach Abbruch seines ersten Studiums geht Thomas Friz nach Westberlin, nicht viel mehr im Gepäck als seine Gitarre, die zu spielen er sich selbst beigebracht hat. Über einen gemeinsamen Freund lernt er den chilenischen Dichter und Dandy Gastón Salvatore kennen. In der geräumiger Wohnung in der Hubertusallee kommt er vorerst unter. Dort trifft er auch Hans-Magnus Enzensberger, von dem er bereits das eine oder andere Gedicht vertont hat. Thomas – in Berlin immer als „ein Freund von Gastón“ vorgestellt – ist damals zweiundzwanzig Jahre alt. Es ist ihm eine Ehre, dass Enzensberger seine Vertonungen gutheißt.

Er selbst hält seine frühen Lieder mittlerweile für „halbe Sachen“. Natürlich würde er heute alles anders machen. Auch die Bewunderung für Wolf Biermann, dem er immer wieder Gitarrensaiten und Dillspitzen nach Ostberlin brachte, ist verschwunden. Saß er damals mit anderen jungen Männern „wie eine Gemeinde um den Großmeister“, so sieht Thomas dessen Musik mittlerweile kritischer. Am besten gefällt es ihm ihn Berlin aber bei dem „üblen Proleten“ und Komiker Wolfgang Neuss, über den Salvatore zu der Zeit eine Biographie schrieb. Das Buch verkaufte sich zwar miserabel, die Feste, die der Haufen von Musikern und Autoren miteinander feierten, müssen jedoch legendär gewesen sein.

Unermüdlich und ausschweifend erzählt Thomas von seiner Berliner Zeit. Wenn er von Gastón erzählt, leuchten seine Augen. „Ja, das werde ich nie vergessen!“, ruft er immer wieder, als müsste er sich selbst von der Wahrheit seiner Anekdoten überzeugen. Dennoch verliert er gelegentlich einen Erzählstrang, lässt halbe Sätze fallen und greift unvermittelt eine ganz andere Erinnerung auf. Als ich nach Stunden müde werde, willigt er ein, ein Assoziationsspiel zu spielen:

Erfolg: „Ein gutes Lied geschrieben zu haben.“
Scheitern: „Ein schlechtes Konzert abgeliefert zu haben.“
Geld: „Immer mit Sorgen verbunden: Wo kommt es her und wie geht man damit um?“
Musik: „Meine Welt, Dylan genauso wie Bach.“
Liebe: „Ehefrau und Kinder“

Auch der rekonvaleszente Rudi Dutschke und seine Frau Gretchen kamen hin und wieder in der Hubertusallee vorbei, um mit dem „schönsten Mann der Revolution“ ein Glas Wein zu trinken und über Politik zu reden. Als Salvatore beginnt, Thomas Avancen zu machen, zieht dieser aus. Für den Chilenen verwiese wohl auch der voranstehende Satz auf die „entsetzliche Indiskretion der Deutschen.“ 2011 sagt er der Zeit, er habe zu spät bemerkt, dass für ihn im kleinbürgerlichen Deutschland nur eine Rolle vorgesehen war: die des Harlekins.

Diese gebastelte Heft für Zündholzer habe ich in einem Buch gefunden, das ich von Thomas geliehen habe. Es zeigt ihn mit Gastón Salvatore bei Salat und Rotwein. Unklar ist, ob diese gebastelte Streichholzschachtel ein Geschenk von Gastón für Thomas war.
Gastón Salvatore, der Neffe des späteren chilenischen Präsidenten Salvador Allende, wurde nicht selten als eitler „Papagallo der Prominenz“ beschimpft, der sich in der Nähe schillernder Männer (Dutschke, Antonioni, Enzensberger) aufhalte, immerzu „darauf hoffend, daß in ihrem Glanz auch er, der Kleine, strahlen möge“. Dessen unbeirrt schreibt er Dramen und Prosa in deutscher Sprache. Sein Theaterstück „Büchners Tod“, das beim Publikum durchfällt, wird mit dem Gert-Hauptmann-Preis ausgezeichnet. Am Abend seiner Uraufführung am 7. Oktober 1972 in Darmstadt wird Salvatore verhaftet, weil er Jahre zuvor gemeinsam mit Dutschke wegen Landfriedensbruchs angezeigt worden war. Die spätere Amnestie galt nur für deutsche Staatsbürger. Zwei Jahre später ist Salvatore in Stuttgart, um mit seinem Lektor Peter Härtling an der Wolfgang-Neuss-Biographie zu arbeiten. Im Sommer 1974 steht Gastón plötzlich vor der Tür des Friz’schen Pfarrhauses in der Gänsheidestraße. Er macht sich Sorgen, wo sein Freund Thomas sich umtreibt. Die Überraschung bei Hans und Elisabeth Friz ist groß, zumal auch sie zu der Zeit keinen Kontakt zu ihrem Sohn haben. Kaffee und Kuchen bieten sie dem charmanten Mann von Welt dennoch an. Gemeinsam verfolgten sie auf dem eigens für die Fußballweltmeisterschaft angeschafften Farbfernseher von Grundig den deutschen Finalsieg gegen die Niederlande. Der Gästebucheintrag stammt von Hans Friz.

Für seine „Lektionen der Finsternis“ verleiht Hans-Magnus Enzensberger seinem chilenischen Schützling 1991 als einziger Juror den Kleist-Preis. In seiner Laudatio vermutet er, dass Salvatores „Liebe zu den Deutschen im großen und ganzen unerwidert bleiben“ werde. Die Freundschaft zwischen Thomas und Gastón verläuft im Sand, als dieser nach Venedig zieht. Bei einer Interviewanfrage im Dezember erfahre ich über seinen deutschen Verlag, dass Salvatore eine Woche zuvor gestorben war. Thomas hat Enzensbergers Nachruf in der Zeit gelesen. Ob ihn der Tod seines einstigen Gefährten rührt, wird nicht ersichtlich.

Gesprächspausen braucht Thomas höchstens zum Rauchen. Er unterbricht sich nicht einmal, um einen Keks oder einen Schluck Wasser zu nehmen. Flüssig und stringent sind seine Erinnerungen dennoch selten. Ab und zu wechselt Thomas unvermittelt das Jahrzehnt, vertauscht Orte oder Namen, vergisst Jahreszahlen. Widersprüche, die sich ab und an einschleichen, wischt er souverän beiseite. Vielleicht, ohne es zu merken, womöglich auch, um die Lücken in der Erinnerung zu verbergen. Er ist sich bewusst, dass er nicht mehr alles wissen kann, was er erlebt hat. Ob ihm Ungereimtheiten unangenehm sind, lässt er sich nie anmerken. Galant lenkt er das Gespräch dann auf eine Anekdote, die er so oft reproduziert hat, dass er sich in ihr sicher fühlt.

Sobald er kann, zieht Thomas nach dem Abitur aus seinem Elternhaus aus. Für drei Monate haust er in einem Degerlocher Gartenhäuschen. Seine große Schwester bringt ihm hin und wieder etwas zu essen und Vitaminpräparate. Noch immer macht sie sich Vorwürfe, dass sie sich in dieser Zeit nicht besser um ihren Bruder gekümmert hat. Warum er einen Sommer lang dort lebte, weiß Thomas nicht mehr. Heute erklärt er sich mit „falschem Stolz“, dass er nicht mehr in die Enge seines protestantischen Elternhauses zurückkehrte. „Alles, was unangenehm war, hat Thomas vergessen“, sagt seine Schwester „und das Schöne wird glorifiziert.“ In dieser Zeit entsteht eine erste Sammlung mit eigenen Liedern. Das Programm nennt er „Jugendsünden“, zahlreiche Gedichte von Erich Kästner, Walter Mossmann und Bertolt Brecht versammeln sich darin neben eigenen Texten. Es folgen erste Auftritte in Rundfunk und Fernsehen und sogar die eine oder andere hohe Platzierung in den Bestenlisten des damaligen Süddeutschen Rundfunks (SDR) springen heraus. Einmal fuhr er nach München zu Erich Kästner, um ihm die Vertonungen seiner Texte vorzuspielen. Zigarre rauchend und Cognac trinkend hört dieser sich die Lieder an und segnet sie kurzerhand ab.

Der Aufstieg der Zupfgeigenhansel

Der Durchbruch gelingt, als Thomas in Stuttgart den Gitarristen Erich Schmeckenbecher kennenlernt, der zu der Zeit mit seiner Ambient-Rockgruppe Tergeminus hadert. Schnell finden die beiden einen gemeinsamen Nenner: Das deutsche Volkslied. Thomas ist beeindruckt von Erichs musikalischen Fertigkeiten, Erich faszinieren hingegen die alten Volkslieder, die Thomas ganz anders interpretiert, als er es aus seiner ländlich geprägten Familie kennt. Sie spielen in Wohnungen von Freunden und auf der Straße. Vor dem ersten Auftritt im Club Voltaire, kommt Schmeckenbecher kurzerhand auf die Idee, das Duo Zupfgeigenhansel zu gründen, in Anlehnung an Hans Breuers Volksliederbuch Zupfgeigenhansl aus dem Jahr 1909. Sie kleben eigenhändig Plakate, reisen für Auftritte in Jugend- und Kulturzentren durch ganz Deutschland und gehen in Bibliotheken auf die Suche nach verborgenen Schätzen des deutschen Liedguts. „Es wollt ein Bauer früh aufstehen“ ist ihr erster Hit.

„Lebt der Bauer, lebt das Land!“, die AfD hat in der ländlichen Region großflächig für die kommenden Landtagswahlen plakatiert. Thomas sitzt auf dem Beifahrersitz, die langgliedrigen Finger ineinander gelegt. Die Wahlplakate ärgern ihn im selben Maße wie die Tatsache, dass er am Morgen noch Schnee schippen musste, obwohl schon März ist. Für den einstigen Sozialisten ist Politik ein willkommenes Gesprächsthema, aber längst kein Aufreger mehr. Ohne zu zögern weist er den Weg zu seinen einstigen Wohn- und Wirkungsstätten in Kirneck, Lindenbronn und Hohenstaufen.

Die Rollen bei Zupfgeigenhansel sind schnell verteilt: Thomas hat den geschulten Blick für literarische Schätze, die es zu vertonen gilt. Von der Burg Waldeck kennt er sich in der Volkslied- und Wandervogelbewegung bereits aus, Reinhard Mey und Wolf Biermann sind seine Vorbilder. Erich hingegen ist für die musikalische Raffinesse zuständig: Er feilt an Melodien, bis sie vertont werden können und spielt dann nicht nur Mandoline, Akkordeon und Gitarre, sondern perfektioniert auch seinen Gesang, um zweistimmige Refrains zu ermöglichen. Als Zupfgeigenhansel 1976 ihre erste Platte „Volkslieder I“ aufnehmen, quält Erich die Gastmusiker im Studio bis die Aufnahmen perfekt sind. Auch Thomas wird er später zum Proben überreden müssen. Angeblich wurde der eloquente Thomas mit den blonden Locken und seinem Charme schon damals als „Engelchen“ bezeichnet, während der gewissenhaftere und auf der Bühne schweigsame Musiker Erich als „Teufelchen“ hinhalten musste. Als Brian Eno die beiden kennenlernt, erinnert ihn das deutsche Liedermacher-Duo nicht nur an Simon & Garfunkel, er hält es sogar für besser. Dass es Ähnlichkeiten zwischen den beiden Bandbiografien gibt, davon geht Erich Schmeckenbecher bis heute aus.

Rebellion: „Mit dem Alter lässt das alles nach, aber im Kopf wird noch immer rebelliert.“
Männlichkeit: „Kann ich nichts damit anfangen.“
Mode: „Da kann ich nichts mit anfangen.“
Literatur: „Ich bekomme immer vorgeworfen, ich lese zu viel.
Jedes gute Buch zündet mich an… Aber es gibt zu viele gute Bücher.“

Gleich 1977 und 1978 folgen „Volkslieder II“ und „Volkslieder III“. Zupfgeigenhansel sind die ersten, die das Volkslied nach der völkischen Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten wiederentdecken. Und sie sind es, die es wieder populär machen. Leichtfüßig schütteln sie mit kurzweiligen Auftritten und klugen Neu-Arrangements von traditionellen Bauern- und Arbeiterliedern alles Volkstümliche und Behäbige ab, was der traditionellen deutschen Musik anhängt. Ihre Tourneen verlaufen nicht nur durch ganz Deutschland, auch von Portugal bis an den Polarkreis spielen sie auf Festivals – und nicht zuletzt in der DDR. Bald arbeiten sie mit Conny Planck zusammen, dem wichtigsten deutschen Produzenten der Siebziger und Achtziger. In Paris werden sie festgenommen, weil so viele Menschen ihr Konzert an einer Metro-Haltestelle hören wollten, dass sie den Nahverkehr lahmlegen. In New York lernen sie Ruth Rubin kennen, die „Grande Dame des jiddischen Volkslieds“ und decken sich bei der Gelegenheit mit neuen Instrumenten ein. Der wohl weitreichendste Erfolg des Duos ist es jedoch, quasi en passant Adorno zu widerlegen, indem sie einen produktiven künstlerischen Umgang mit dem traditionellen deutschen Liedgut nach dem Nationalsozialismus gefunden haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Onkel hat sichtlich Spaß am Erzählen. Er genießt es, wieder einmal im Mittelpunkt zu stehen, nach so langer Zeit. Vor der Kamera wird er wieder zum Bühnenmenschen, souverän moderiert er sich selbst an. Wenn er nach der Zeit als Zupfgeigenhansel gefragt wird, holt er gerne weit aus. Hier gibt es von vielen Erfolgen zu berichten, auf diesem Gebiet fühlt er sich wohl. Die Narration, die Thomas entwirft, klingt nach der Bilderbuchkarriere einer beliebigen Boyband: Rasend schnell kommt der Erfolg und überrollt die beiden Freunde wie eine Welle. Er bringt mit sich, wovon viele junge Künstlerinnen und Musiker träumen: Geld, Popularität, Alkohol und Sex! Was wenig später dazukommt, sind falsche Freunde, gigantische Tourneen, profitorientierte Manager und vor allem Routine.

„Ich war nicht flexibel genug. Ich habe dieselben Texte abgespult, ich hab dieselben Nummern abgespult, wie so ein Uhrwerk. Und das geht irgendwann nicht mehr gut.“
Thomas Friz, 2016

Eine Kindheit nach dem Krieg

Hans Friz zeigt seinem Sohn Thomas schon früh am heimischen Plattenspieler, wie Bachs Weihnachtsoratorium oder etwa die Matthäuspassion klingt. Wenn nicht gerade „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ im Kinderfunk kommt, sitzen sie sonntagnachmittags gemeinsam im Sonntagszimmer: „Guck mal, wie der Herodes singt!“ hört Thomas seinen Vater noch immer flüstern. Die musikalische Früherziehung mit Flötenunterricht und -ensemble hat er aber seiner Mutter Elisabeth zu verdanken, die bei all ihren Kindern auf die Einhaltung der Verpflichtungen achtete. Auf eigenen Wunsch darf Thomas mit neun Jahren Mitglied der renommierten Stuttgarter Hymnus-Chorknaben werden. Bald schon steigt er in der internen Hierarchie vom Anfängerchor (A) zum erlesenen Elite-Chor (E) auf. Schon als Jugendlicher liebt er es, in der Kirche seines Vater mit dem Hymnus-Chor Bach-Motetten zu singen oder gar als Solist aufzutreten. Ein Höhepunkt waren auch die Chorfreizeiten, und das trotz der beinharten musikalischen Theorieprüfungen, zu denen sich die Knaben an der Klostermauer aufstellen mussten: „Von c nach des, was ist das für ein Intervall? Das macht demütig!“, erinnert sich Thomas an seine musikalische Ausbildung. Seine kristallklare Stimme hilft ihm später auch als Liedermacher über manche musikalische Nachlässigkeit hinweg. Als Flötist verbringt Thomas gegen Ende der sechziger Jahre ganze Nächte gemeinsam mit seiner Schwester und zwei Freunden, um Kammermusik zu machen.

Mit seinen zwei kleinen Brüdern teilt sich der 1950 geborene Thomas ein Zimmer, ein eigenes bekommt er erst, als die große Schwester auszieht. Doch schon viel früher werden Thomas die Konventionen des Pfarrhauses zu eng. Nie leuchtet ihm ein, warum es ein Werktags- und ein separates Sonntagszimmer gibt, das man nur mit dem festlichen Sonntagsanzug betreten darf. Viel lieber hätte Thomas auch sonntags draußen auf den Straßen und Stäffele des Stuttgarter Ostens gespielt. Gleich gegenüber des Pfarrhauses hatte er mit Kameraden in den Kellerruinen einer ehemaligen Gestapo-Zentrale einen idealen Abenteuerspielplatz gefunden. Einfach hatte Elisabeth Friz es mit ihrem ältesten Sohn nicht. Dass Thomas mit dem Plattenspieler im Werktagszimmer heimlich die Beatles, Udo Jürgens und Reinhard Mey auflegt, ist womöglich noch eines der harmlosen Vergehen, an die er sich erinnert.

Jugend: „Schön war sie… und problematisch.“
Deutschland: „Da halt ich es mit Heinrich Heine: ‚Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht,
bin ich um den Schlaf gebracht.’“
Heimat: „Heimat ist, wo ich jetzt wohne. Und das hat schon einen Stellenwert.“
Erinnerung: „Das ist die Nahrung, von der man im Alter zehrt. Und je älter man wird, desto schwieriger ist es, die Erinnerungen nochmal wie ein Perlentaucher aus der Tiefe herauszufischen.“

Im 2. Weltkrieg war Hans Friz als Funker an der Front in Frankreich stationiert. Dort gerät er in Gefangenschaft, hat aber als Lagerpfarrer eine eher privilegierte Position inne. In sein Notizbuch schreibt er zahllose Gedanken zu Bibelstellen und Gedichte, in denen er das durchlebte Elend beschreibt und verarbeitet. Das Wenige, was seine Kinder über die Kriegserfahrungen ihres Vaters wissen, haben sie erst nach dessen Tod herausgefunden, als sie die Aufzeichnungen ihres Vaters finden.

Wenige Tage nachdem er zu Verwandten ins Schwäbische zurückkehrt, lernt Hans Friz seine spätere Frau Elisabeth kennen, die gerade eine Ausbildung zur Apothekerin macht. Schon bald wird die erste Tochter geboren, Elisabeth gibt ihren Beruf auf, um Pfarrfrau und Mutter zu werden. Obwohl Thomas sieht, wie viel sie für ihn und seine Geschwister getan hat, scheint ihm nicht bewusst zu sein, dass die kluge, junge Frau ihr Berufsleben opferte, bevor es überhaupt begonnen hatte. Mutter und Sohn bleiben so Kinder ihrer jeweiligen Zeit.

„Väter machen Geschichte, die ihre Söhne nicht akzeptieren, die sie verändern, die sie weitertreiben und – das führt sie zurück – wiederholen. Sie nehmen sich von der Schuld aus und bekommen sie übertragen. Sie befragen die verflossenen Ideale und predigen neu.“
Peter Härtling (Hrsg.) in seinem Vorwort zu „Väter“ (1968)

Thomas Friz stimmt nicht in den lautstarken Chor der vaterlosen Generation („Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“, Alexander Mitscherlich, 1971) ein. Im Gegensatz zu Härtling, der die Schuldfrage offen stellt, oder etwa Enzensberger, dessen Protagonisten in den Aphorismen „Berliner Gemeinplätzen“ (1967/68) „wesentlich viriler, angriffslustiger“ die „herrschende Clique“ „zum kulturrevolutionären Kampf“ fordern („Männlichkeiten in der Literatur“, Toni Tholen, 2015), kann Thomas sich nicht überwinden, seinen Vater für seine Taten anzuklagen, für sein Schweigen zu verurteilen. Das mag sicher auch daran liegen, dass Hans Friz für seine Kinder nicht nur physisch anwesend war, sondern tatsächlich eine sich kümmernde Vaterfigur darstellte; wenn auch eher im moralisch-spirituell-intellektuellen, denn im unmittelbar (ver)sorgenden Sinne. Zu mächtig war laut eigener Aussage auch Thomas‘ Bewunderung für den „treuen Christenmenschen aufrechten Ganges“, zu groß die Ehre für den ältesten Sohn, als der Vater – selbst ein verhinderter Schriftsteller – ihn ins Theater mitnimmt. Zu schwerwiegend die Dankbarkeit, dass er ihn in die Welt der Literatur einführt, ihm Bertolt Brecht, Alfred Andersch und Johann Nepomuk Nestroy nahelegt.

„Das Pfarrhaus war halt bisschen eng, aber gegen meinen Vater rebelliert habe ich leider nicht. Das hätte man anders machen können. Ich glaube, ich habe ihn nie richtig verstanden.“
Thomas Friz, 2016

Eine Abgrenzung vom Vater findet Thomas stattdessen ausgerechnet im Theologiestudium, wo er sich als Erstsemester in die überfüllten Vorlesungen von Ernst Bloch schleicht. In der Theologie der Hoffnung von Jürgen Moltmann entdeckt er eine spannende Alternative zum verstaubten Protestantismus, den er von Zuhause kennt. Nicht zuletzt sind es die politische Theologin Dorothee Sölle oder später die Befreiungstheologie aus Südamerika, die den Musiker politisieren und radikalisieren.

Kirche: „Ich bin ab und zu gerne in der Kirche und genieße die Ruhe,
aber mit der organisierten Kirche, hab ich so meine Probleme.“
Sucht: „Ist gefährlich.“
Schweigen: „Ist ein Film von Ingmar Bergmann… Aber auch der Killer der
Mittelklassefamilie, die einen durch Schweigen bestraft.“
Essen: „Ist zuweilen wichtig.“
Sex: „Naja, ist auch zuweilen wichtig.“

Obschon Thomas sich aus eigenen Stücken dazu entscheidet, Theologie zu studieren, beginnen die Eltern spätestens mit dem Studienabbruch des Sohnes, sich Sorgen zu machen. Von heute auf morgen verschwindet er nach Berlin, um dem Wehrdienst zu entgehen, so seine Schwester. Letztlich ist es egal, ob in Tübingen, Stuttgart oder Berlin, Thomas kümmert sich zu der Zeit vor allem um seine Musik, um’s Geldverdienen oder seine Zukunft schert er sich kaum, sodass das Verhältnis zu den Eltern immer kritischer, der Kontakt sporadischer wird. Erst als Thomas sein Programm mit jiddischen Liedern und Geschichten vorstellt – das Stuttgarter Café Merlin, das sein Bruder Albrecht mitbegründet hat, ist an fünf Abenden in Folge ausverkauft – wächst wieder der elterliche Stolz auf das, was ihr Sohn leistet. Sie versöhnen sich mit dem Lebensweg, den ihr Sorgenkind eingeschlagen hat.

„Dann habe ich ja auch seine Gedichte vertont, damit ihm gebührt, was er verdient. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich von meiner Ablehnung und Skepsis gegenüber meinem Vater verloren.“
Thomas Friz, 2016

Obwohl ich schon viele Geschichten von und über Thomas gehört habe, gewinnt unser Gespräch mit der Zeit eine Intensität und Nähe, die wir bislang nicht kannten. Vorbehaltlos beantwortet mir Thomas alle Fragen, gleich wie persönlich sie sind. Ich beginne zu ahnen, dass es schwieriger sein wird, als ich es erwartet hatte, eine Haltung zu finden, in der ich ihn als Person beschreiben kann, ohne ihn einerseits bloßzustellen oder andererseits, ihm aus Perspektive eines Fans ein Denkmal für sein zu wenig gewürdigtes Lebenswerk zu setzen. Es wird Zeit für den Hinweis, dass diese Reportage keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat.

Ein Leben als Sohn, Künstler und Vater

In den Achtzigern nimmt der Höhenflug von Zupfgeigenhansel weiter an Fahrt auf. Ab 1982 erscheinen alle Veröffentlichungen bei EMI, das gemeinsam kuratierte Liederbuch „Es wollt‘ ein Bauer früh aufstehen“ hat eine Auflage von 250 000 Exemplaren und macht die Musik von Zupfgeigenhansel noch bekannter. Anders als die ersten Songs von Thomas Friz, denen anfangs eine zu große Ähnlichkeit mit Reinhard Mey vorgeworfen wurde, hat das Duo längst einen eigenen Stil gefunden, ja vielmehr ein eigenes Genre erfunden. Neben dem wieder populären deutschen Volkslied, zu dessen Erstarken Schmeckenbecher und Friz beitrugen, traf auch das jiddische Programm einen Nerv der Zeit. Im Selbststudium brachte Thomas sich die marginalisierte Sprache bei, 1979 erscheinen unter „’ch hob gehert sogn“ erstmals jiddische Lieder der Zupfgeigenhansel als CD. Ein Trend, den die Gruppe Zupfgeigenhansel quasi allein mit dem 1966 verstorbenen Sänger und Volksliedforscher Peter Rohland setzt.

Diese Reportage hat keinen Anspruch auf historische Faktizität. Sie hat keinen Anspruch auf zeitliche Kohärenz und objektive Darstellung des Geschehenen. Selbstverständlich sind Thomas‘ Erinnerungen verzerrt durch das vielfache Erzählen, getrübt vom altersbedingten Verdrängen, verwässert von seinem Alkoholkonsum. Die historischen Aufnahmen und Dokumente aus Presse und Rundfunk bringen nur bedingt Ordnung in die Geschichte von Thomas Friz. Seine Geschwister könnten mir eine ganz andere Version seines Lebens diktieren. Und dennoch ist diese Geschichte es wert, erzählt zu werden.

Als die Touren größer, die Gagen und Plattenverkäufe ertragreicher werden, kaufen sich die Musiker 1980 gemeinsam ein altes Bauernhaus im schwäbischen Kirneck bei Göppingen. Es soll die „Stammburg von Zupfgeigenhansel“ werden. Sie beginnen, in jeder Minute, die sie nicht auf Bühnen oder im Studio verbringen, das Haus zu renovieren und ziehen bald mit ihren jeweiligen Freundinnen ein. Bald stellt sich heraus, dass Erich und Thomas nicht nur als Musiker unterschiedlich ticken. Auf dem engen Raum sind auch die persönlichen Differenzen schwerer zu ertragen. Als Erich seinen Teil des Hauses längst renoviert hatte, feiert Thomas in seinem halbfertigen Teil des Hauses 1982 Hochzeit. Dies ist auch seine eindrücklichste Erinnerung, als wir gemeinsam Erich besuchen und er seine damalige Wohnung in Kirneck nach Jahrzehnten wieder von innen sieht. Dass Thomas‘ Hochzeitstag mit dem 26. November identisch mit dem seines jüngsten Bruders (ebenfalls 1982), seiner Eltern (1946) und seiner Großeltern (1923) ist, erinnert er nicht mehr.

„Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.“

Einige Monate später kommt sein erster Sohn auf die Welt. Thomas will sich Zeit nehmen, für seine junge Familie. In der Musik müssen Kompromisse gemacht werden, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Thomas und Erich häufen sich. Die permanente Nähe zu seinem Kollegen auf der Bühne und Freund zuhause wurde Thomas sowieso zu eng. Das Problem, an dem Zupfgeigenhansel letztlich zugrunde geht, ist weder Thomas‘ familiäre Situation, noch ein persönlicher Konflikt. Erich will musikalisch und inhaltlich Neues entwickeln, Elemente des Rock und der Romantik aufnehmen. Thomas hingegen bliebe am liebsten bei seinem geliebten und bewährten Volkslied. Als die beiden den österreichischen Dichter Theodor Kramer ausgraben, wird die Szene hellhörig, mit welcher Neuigkeit die Band aufwarten kann. Für die Zusammenstellung einer Platte schlägt Thomas mehrere Melodien vor, die jedoch immer wieder abgelehnt werden. Seine Dickköpfigkeit reicht so weit, dass er kurzerhand einen eigenen Kramer-Abend gestaltet. Das ist zu viel für Erich, er schreibt einen öffentlichen Brief: Zupfgeigenhansel sei für ihn gestorben. Die Gruppe trennt sich 1986. Trotz eines kollegialen Umgangs, den die beiden mittlerweile gefunden haben, ist das Ende ihrer gemeinsamen Zeit noch immer ein heikles Thema. Es scheint, als seien beide sich sicher, der andere trüge die fundamentale Schuld an der Trennung. Ein gemeinsames Lied wollen sie jedenfalls auch für unsere Kamera nicht spielen.

„Ich hab’s nicht zerbrochen, aber es ist zerbrochen.“
Thomas Friz, 2016.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Thomas seinen Teil des Hauses in Kirneck verkauft und in das nächstliegende Dorf zieht, hat sich seine Frau bereits von ihm getrennt. Mit ihr verschwindet auch die Struktur aus seinem Leben. Von da an lebt er alleine mit seinem Sohn, die Einkäufe in der nächstgelegenen, aber fast hundertfünfzig Höhenmeter entfernten Stadt, erledigt er mit dem Fahrrad, seinen Jungen hinter sich im Kindersitz. Auf Touren muss er ihn begleiten. Nicht nur ein Konzert platzt, weil das Kind schreiend auf die Bühne stürmt, um sein in der Garderobe eingestürztes Spielzeughaus zu beweinen. Das Reisen und Auftreten mit Kindertasche und Babysitterin fällt Thomas immer schwerer. Zumeist kommt deshalb ein Kindermädchen oder die Schwägerin, um sich während der Tourneen um den Jungen zu kümmern. Das Kind überlässt Thomas seiner Ex-Frau erst, als die Streitereien mit seiner neuen Gattin beginnen. Es ist zu dem Zeitpunkt acht oder neun Jahre alt.

Männlichkeiten spielen weder für den Familienmann Thomas, noch für sein künstlerisches Schaffen eine evidente Rolle. Dennoch kann er stellvertretend für männliche Künstler seiner Generation gelesen werden, die noch kein ausgeprägtes Bewusstsein für die Dynamik ihrer sozialen Praxis als Söhne, Männer, Gatten haben. Sein Vater Hans war, trotz seiner gutmütigen Art gewissermaßen ein Patriarch. Auch Anfang der achtziger Jahre, als Thomas selbst Vater wird, entspricht es dem Zeitgeist des kreativen, linksliberalen Milieus, dass er Verantwortung für sein Kind übernimmt, obwohl er ein unstetes Künstlerleben führt und widrige Umstände in Kauf nehmen muss („Kindergeschichte“, Peter Handke, 1981). Seinem Vater Hans ist Thomas dabei jedoch nicht unähnlich, dem die Kinder und deren Erziehung zwar wichtig war, im Alltag Hand anlegen mussten aber vor allem die anderen – die Frauen. Thomas bewegt sich in einem für seine Zeit typischen homosozialen Diskursraum, in dem alles Politische, alles Künstlerische, also alles Bedeutsame quasi unter Ausschluss von Frauen und Kindern verhandelt wird („Männlichkeiten in der Literatur“, Toni Tholen, 2015). Seine Lebensgefährtinnen halten ihm dabei zumeist den Rücken für die Karriere frei. Seine erste Frau, er hat sie als Fan auf einem Konzert kennengelernt, trennte sich nicht zuletzt, weil sie während der ständigen Konzerte mit sich und dem gemeinsamen Kind im ländlichen Kirneck alleine war. So spielen Frauen also auch in dieser Reportage konsequenterweise keine öffentliche, geschweige denn tragende Rollen. Damit erweitere ich die mann-männliche Erzählung von Thomas als Genius um ein Kapitel und eine weitere Generation. Dies ist gewiss nicht nur meinem Interesse an Thomas‘ Verhältnis zu ihm nahestehenden Männern geschuldet, sondern auch meiner männlich sozialisierten Perspektive und Begeisterung für Thomas‘ performte Männlichkeit. Bis heute erinnert er sich besser an die glorreichen Auftritte, denn an seine beruflichen, psychologischen oder familiären Probleme.

Dankbarkeit statt Rebellion

Aus zweiter Ehe hat Thomas einen weiteren Sohn. In der Literatur und Musik – der Sohn spielt Schlagzeug – haben Vater und Sohn eine gemeinsame Ebene gefunden. Nach seiner Ausbildung will dieser womöglich Philosophie studieren, dazu müsste er von zuhause ausziehen. Im Gegensatz zu seiner Frau hat Thomas nichts dagegen. Jedes Jahr verbringt er einen Abend mit seinen Söhnen bei Helge Schneider in Stuttgart. Er ist sich sicher, dass er seinen Söhnen ein guter Vater war und ist.

Mit der Musik jedoch würde er „alles noch einmal genau so machen“. Auch wenn die Idole heute (Mossmann, Dylan) andere sind als damals (Biermann, Mey). Einen konventionellen Beruf hat Thomas nie ausgeübt. Stattdessen hat er es als einziger seiner Geschwister geschafft, konsequent aus einem bürgerlichen Milieu auszubrechen. Falls er sich irgendwann einen Rückzug in die geordneten Lebensverhältnisse seiner Eltern gewünscht hat, so war ihm dies durch die äußeren Umstände oder sein persönliches Unvermögen nicht mehr möglich. Vor sieben Jahren erschien seine bislang letzte CD, die in Kooperation mit der Gruppe Pankraz bei Conträr erschienen ist. Auch hier bleibt sich der Liedermacher treu und veröffentlicht ausschließlich Texte seiner literarischen Heldinnen und Helden: Mascha Kaléko, Erich Kästner, Theodor Kramer, Walter Mehring und Kurt Tucholsky. Konzerte spielte er in den letzten Jahren kaum noch. Auch die Weihnachtsprogramme, die er in Kirchen der Region Göppingen spielte, wo er seit 1980 lebt, wurden immer weniger.

Altern: „Muss man lernen.“
Träume: „Noch lange gesund leben zu dürfen und mit den Lieben an der Seite.“
Ängste: „Krankheit… Und das Verletztwerden von Anderen, ungerechterweise.“
Krankheit: „Immer Angst davor… Gesundheit ist mir viel mehr wert.“
Dankbarkeit: „Habe ich so vielen Menschen gegenüber zu zeigen,
dass man gar nicht nachkommt. Ob Eltern,
ob Großeltern, ob Geschwistern, ob Ehefrau, ja: allen.
Dankbar zu sein, ist viel zu tun.“
Tod: „Weiß ich nicht. Lasse ich auf mich zukommen“

Am Abend der Beerdigung seines Vaters spielt Thomas noch ein Konzert. Auch die Beerdigung seiner Mutter ist nun bald zwei Jahren her. Im Nachhinein hätte es noch Manches zu besprechen und auszusöhnen gegeben. Doch nun ist Thomas der weißhaarige Mann, um den die Frauen in der Familie sich Sorgen machen, als sie von meinen Interviewplänen und den Dreharbeiten erfahren. Seine Schwester ruft Thomas heutzutage wieder regelmäßig an, um ihr sein Leid (die AfD, das Alter, das Schneeschippen) zu klagen. Nach unseren Gesprächen an seinem 66. Geburtstag, soll er laut seinen Geschwistern regelrecht aufgeblüht sein. Als Thomas mir am letzten Tag noch das Haus zeigt, wo er alleinerziehend mit seinem Sohn lebte, kommt eine neugierige Nachbarin heraus. Das alte Klärchen erkennt Thomas sofort und erkundigt sich nach seinem Sohn und der Musik. Am Abend unseres letzten Termins – die ersten Fotos sind schon bearbeitet – ruft Thomas mich an und bedankt sich: „Es ist so schön, wenn das alles wieder hochkommt. Vor allem, dass wir die alte Nachbarin getroffen haben. Das war wirklich bewegend.“

Geboren am 5. März 1950 in Stuttgart.
Abitur am Stuttgarter Karls-Gymnasium.
Studium der Theologie in Tübingen.
Gründung des Duos Zupfgeigenhansel mit Erich Schmeckenbecher im Jahr 1974.
Nach ersten Konzerten in kleinen süddeutschen Folkclubs kam es 1976 zur ersten Langspielplatte sowie Rundfunk- und TV-Auftritten. Im gleichen Jahr Nominierung für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik.
Beide Liedermacher wurden 1978 als „Künstler des Jahres“ von der Deutschen Phono-Akademie ausgezeichnet.
Seit der Auflösung von Zupfgeigenhansel 1986 war Thomas Friz mit jiddischen und deutschen Volksliedern sowie einem Programm mit Weihnachtsliedern wieder solo aktiv.
Seine letzte CD „Thomas Friz & Pankraz“ erschien 2008 bei Conträr Musik.
Thomas Friz ist Vater von zwei Söhnen.

 

 

 

 

 

Kornelius Friz ist als Autor verantwortlich für sämtliche Inhalte dieses Porträts über Thomas Friz.
Er ist 1990 geboren und Sohn von Thomas Friz‘ jüngstem Bruder.
Diese Multimedia-Reportage ist am Literaturinstitut der Universität Hildesheim entstanden.

 

 

 Johanna Baschke
Johannes Friz
Mechthild Friz
Guido Graf
Susanne Mauch-Friz
Christoph Möller
Philipp Müller
Christel Pfitzenmaier
Erich Schmeckenbecher
Marina Schwabe
Toni Tholen
Anna Weyrosta

Litradio.net
Literaturinstitut Hildesheim
Universität Hildesheim

Der größte Dank gilt Thomas Friz für die ehrliche Auskunft und engagierte Kooperation.

 

Alle 2016 entstandenen Foto- und Videoaufnahmen sind von Johanna Baschke.
Die Verwendung des Materials ist ohne das Einverständnis der Fotografin nicht gestattet.
Vielen Dank an Thomas Friz für die Bereitstellung der historischen Dokumente.
Auch ihre anderweitige Verwendung ist nicht gestattet.

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