Enzyklopädie der Dinge

Hrsg. von Guido Graf, Marius Hoffmann und Florian Stern

Der Spülmittelspender

Von Dennis Enßlen

Der Spülmittelspender ist ein aus weichem Kunststoff gefertiges Behältnis, das durch seine anatomischen Eigenschaften in Kombination mit seinem Kopfstück fein rationiert (Dick-)Flüssigkeiten aus seinem Inneren zur Verwendung freigibt, indem der Benutzer manuell leichten Druck auf den Bauchraum der Flasche ausübt. Diese ist mit dem Kopf nach unten zu richten und ist dank ihrer handlichen Größe leicht zu bedienen. 

Über die Jahrzehnte nach seiner Einführung wurde der Spülmittelspender in seinem Gebrauch durch den Menschen derart pervertiert, dass selbst seine heute geläufige Bezeichnung, Spülmittelspender, im Bezug auf seine ursprünglichen Existenzmotive unpassender nicht gewählt sein könnte.
Seine Entwicklungsgeschichte lässt sich bis ins Jahre 1911 zurückverfolgen, kurze Zeit nach der Einführung der industriellen Herstellung von Kunststoffen, als ein gewisser Psychologe Professor Freudlos nach einer Möglichkeit suchte, sich von der Unfähigkeit zu befreien, Erregung zu zeigen. Nach vielen Berechnungen die er auf einer Tafel festhielt, ausgiebigem Experimentieren mit Laborratten und dem vorsichtigen Umfüllen verschiedenfarbiger Flüssigkeiten in Reagenzgläser, die dabei bedrohlich gurgelten und gelgentlich Funken sprühten, entstand dabei der erste Prototyp eines Spülmittelspenders. Der Sieg schien zum Greifen nah – Gleichgültig starrte Professor Freudlos vor Erregung auf seine Kreation, wiegte sie in der Hand und drückte behutsam, aber bestimmt auf den mit Luft gefülllten Bauch. Der Spender gab ein Pfeiffen von sich, ein erregtes, ungeduldiges Pfeiffen, wie das Hyperventillieren eines ADHS-kranken Kindes, das sich zu beherrschen versucht, weil seine Eltern ihm an Heiligabend das Entpacken seiner Geschenke vor 24 Uhr verwehrt hatten.
 
So gelang ihm der Durchbruch. Für die nächste Konferenz kündigte er an, etwas Großes zu präsentieren, das die Welt in ihrem Kern erschüttern und revolutionieren sollte.
Von dem Tage an war der Spülmittelspender nicht mehr aufzuhalten. Ob in Lokalblättern oder in Zeitungen mit internationalem Resumee, im Radio oder auf den Marktplätzen, überall lobte man seine wissenschaftliche Ausnahmeleistung. Auf öffentlichen Veranstaltungen wurden ihm unzählige Auszeichnungen, Ehrenorden und Eliteposten in hochrangigen gesellschaftlichen Salons verliehen, und jedes Mal pfiff er hysterisch auf seinem Spender, überwältigt von der Aufmerksamkeit der staunenden Masse. Bald darauf war die Erfindung nicht nur aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken – allürenbeladene Schauspieler begannen obstinat darauf zu bestehen, die Gemütsbewegungen ihrer Rollen nur noch durch dramatische Mimik in Begleitung des Spenders zu vermitteln. Im Anschluss wurde nicht mehr applaudiert, sondern nur noch wild umhergequiekt, mit rot angelaufenen Gesichtern erregte sich das Publikum über seine Spender. In Vorlesungen benutzten die Studierenden den neuen Standard schon bald, um bei besonders interessanten Stellen einer Vorlesung die verdiente Resonanz der Hochachtung zu erbringen. Sportlehrer pfiffen wutentbrannt mit größeren Bauarten des Spenders durch die Hallen, um auf das Fehlverhalten dreister Schüler im Unterricht aufmerksam zu machen. Beim Kaffeeklatsch konnte nun endlich zur Entlastung aller Frauen subtil auf die Themengegenstände der Gerüchte hingewiesen werden, die aktuell von der größten Bedeutung waren, ohne das Interesse daran offen zu bekunden und sich schuldig zu wissen, denn wie oft passierte es, dass man gedankenverloren auf seinem Spender herumspielte und willkürlich damit herumpfiff, ohne ein tiefers Motiv zu verfolgen.
Im Laufe der Jahre entstanden so verschiedene Generationen des Spenders in besonderen Ausführungen die sich in Farbe, Größe und einer neu eingeführten Maßeinheit zur Bestimmung des maximal vermittelbaren Erregungslevels unterschieden, dabei immer neue Features mit sich brachten, wie etwa einen integrierter Kompass oder eine eingebaute Nagelfeile, und so passierte es, dass der Spender in seiner Evolution irgendwann von seinem eigentlichen Zweck so weit entfernt war, dass er nun nur noch zum Spülen dreckigen Geschirrs gebraucht wird. 
Quellen:
Prof. Dr. Dipl.-Psych. Ernst Freudlos, „Plastische Erregung Interkulturell“, 1. Auflage, S.12, „Vor allem wurde die Unempfänglichkeit der intuitiven Wahrnehmung der Probanden, unabhängig ihrer kultureller Hintergründe, in Hinblick auf die präzisen Erregungsstufen deutlich, die durch den ~Spülmittelspender (original: Erregungsspender) ermöglicht werden.“
 
Prof. Dr. Dipl.-Psych. Ernst Freudlos, „Berechtigung reflektierter Erregung als natürliche Reaktion und Mechanik der physiologischen Neugierde“, 3. Auflage, S.124, „Nur wie kommt der zweifelhafte Ruf des Erregungsspenders zustande, dem eine unglaubwürdige Fadaise und chronische Deplatziertheit vorgeworfen wird?“

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