Enzyklopädie der Dinge

Hrsg. von Guido Graf, Marius Hoffmann und Florian Stern

Das Schlüsselloch

Von Anna Liedmeier

Das Schlüsselloch ist ein Ding, das durch die Abwesenheit der spezifischen Materie bestimmt wird. Es bezeichnet die Aussparung, zumeist unterhalb der Klinke angebracht, in einer Tür, in die ein exakt passendes Gegenstück, der jeweilige Schlüssel, gesteckt werden kann. Durch Drehen des Schlüssels kann die Tür geöffnet werden, der verschlossene Raum also dem Einblick oder dem Betretenden preisgegeben werden. Das Schlüsselloch ist somit nicht Werkzeug an sich, jedoch als Nicht-Ding unabdingbares Element eines hand-werklichen Prozesses. In den letzten Jahrzehnten ist das Schlüsselloch allerdings mehr und mehr auf dem Rückzug, bedingt durch das gehäufte Auftreten schlüssel- und lochloser Aufschlussmechanismen, insbesondere durch die Schlüsselkarte und zunehmend auch durch Erkennungssensoren für bionomische Merkmale. Die digitale Verschlüsselung erfordert zwar nach wie vor einen Schlüssel, nicht jedoch ein Loch. Dass das Schlüsselloch auf dem Rückmarsch ist, kann insofern kulturpessimistisch gedeutet werden, als dass das ambivalente Zwischenelement, das das Geheimnisvolle so greifbar, die Trennung zwischen offen und geschlossen dagegen so unbegreifbar macht, keine Rolle mehr spielt. Stattdessen wird zunehmend ein Kampf zwischen den beiden Polen totale Transparenz und größtmöglicher Schutz der Privatssphäre ausgetragen. Positiv kann allerdings vermerkt werden, dass den pathologischen Schlüssellochspähern mit Schlüsselkarten und Stimmerkennung wesentlich effektiver Einhalt geboten werden kann als mit Halstuch, Toilettenpapier oder Boxer-Shorts.
Das Schlüsselloch ist Symbol für den schmalen Durchblick in das Verborgene, wie er sich dem neugierigen Menschen gelegentlich bietet. Schlüssellöcher werden vom durchschnittlichen Erwachsenen wenig beachtet, größere Aufmerksamkeit schenken ihnen Kinder, Verliebte, Eifersüchtige, Paranoiker und andere leidenschaftlich veranlagte Personen. Im Schauen durch das Schlüsselloch zeigt sich das Interesse des Menschen an Vorgängen, die ihm eigentlich verborgen bleiben sollen, an dem, was sich ihm nicht unmittelbar erschließt.
In der Literatur finden sich zahlreiche Belege für die Verwendung und damit auch für die Bedeutung des Schlüssellochs. In neuerer Zeit allerdings wird, in Einklang mit dem o.g. Verschwinden des Schlüssellochs überhaupt, dem Schlüsselloch kaum noch eine Zeile gewidmet (s.u.). Fast scheint es, als sei das Schlüsselloch in seiner eigentlichen Funktion besser zu ersetzen als in seiner übertragenen oder erweiterten Verwendung. Die Problematik der Abwesenheit eines Schlüsselloches lässt sich schon bei Pyramus und Thisbe erkennen, die, in Ermangelung eines Schlüsselloches, genötigt waren, sich durch ein zufällig entstandenes Loch im Lehmmauerwerk zu unterhalten. Doch bleibt das Schlüsselloch bisher ein typisches Element der analogen Erfahrung. Es wurden zwar verschiedene Versuche unternommen, das Schlüsselloch in der digitalen Welt nutzbar zu machen, diese können jedoch allesamt als gescheitert betrachtet werden. Weder hat sich das Schlüsselloch als USB-Stick-Halter bewährt (Stick bleibt häufig in der Aussparung stecken), noch als Emoticon (wird aufgrund vereinfachter Darstellung zu oft für Sanduhr gehalten, was für Verwirrung sorgt) oder Webcam-Auge (keine optimale Form für optische Prozesse). Beim Funktionserweiterungsversuch als Halterung für vom Tippen ermüdete Finger traten ähnliche Probleme auf wie bei der Stick-Verwendung. Das Schlüsselloch einer modernen Verwendungsweise zuzuführen, bleibt daher ein Forschungsdesiderat, das aller Wahrscheinlichkeit nach in der Zukunft eher zufällig durch ein Kind zufriedenstellend bearbeitet werden kann, als durch die verzweifelte Suche traditioneller Schlüssellochexperten.
Quellen:
Das Schlüsselloch spielt in der Literatur des 17., 18., 19. Und frühen 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle. In vielen berühmten Romanen und auch Dramen kommt ihm eine Schlüsselrolle zu, zumindest aber wird es erwähnt, so u.a. in folgenden Werken:
Charles Dickens, Oliver Twist: »Du bist wohl der neue Lehrbursch, was?« fragte die Stimme durch das Schlüsselloch.; Er legte zu diesem Zweck seinen Mund an das Schlüsselloch und rief mit Baßstimme hinein: »Oliver.«; »Ich,« antwortete der Baldowerer durchs Schlüsselloch.; Nachdem er zuvor am Schlüsselloch gehorcht, um sicher zu sein, nicht überrascht zu werden, machte er sich über die drei ersten Schubladen her. Bei Dickens, der dem Schlüsselloch durchaus zugeneigt war, ist es kaum visuelles Fensterchen, vielmehr ein geheimer Audiokanal, der dem Austausch von Stimmen und Tönen dient. In David Copperfield findet sich folgender herzzerreißender Schlüssellochdialog: Aber nicht lange darauf hörte ich wieder meinen Namen in einem so geheimnisvollen und schaurigen Ton, daß ich vor Schrecken wahrscheinlich ohnmächtig geworden wäre, hätte ich nicht plötzlich begriffen, daß er durch das Schlüsselloch kommen müsse. Ich tappte mich zur Tür, legte den Mund an das Schlüsselloch und flüsterte: »Bist dus, liebe Peggotty?« / »Ja, mein einziger lieber Davy. Sei so leise wie eine Maus, sonst hört uns die Katze.« /(…) »Was wird mit mir geschehen, liebe Peggotty? Weißt du es?« / »Schule. Bei London,« war Peggottys Antwort. Sie mußte es noch einmal wiederholen, denn sie hatte es das erstemal in meinen Hals hineingesprochen, weil ich vergaß, den Mund vom Schlüsselloch wegzunehmen und das Ohr daranzulegen. Ihre Worte kitzelten mich sehr, aber verstehen konnte ich sie nicht. (…)  Dann legte sie ihre Lippen dicht an das Schloß und sprach die folgenden Worte so gefühlvoll und innig, wie sie wohl nie durch ein Schlüsselloch mitgeteilt worden sind, und stieß jeden Satz abgebrochen mit einem krampfhaften kleinen Ruck hervor: »Lieber Davy, – wenn ich jetzt nicht ganz so herzlich – mit dir bin, wie früher, – so ists nicht, weil ich dich nicht – sehr und noch mehr liebe, mein liebes Herzenspüppchen, – sondern bloß weil ich glaube, es ist besser für dich – und für jemand anders. Davy, mein Liebling, hörst du mich? Kannst du hören?« / »Ja–a–a–a, Peggotty,« schluchzte ich. / »Du mein Herzenskind,« flüsterte Peggotty mit unendlichem Mitleid. »Ich will dir nur sagen, du darfst mich niemals vergessen. Auch ich will dich niemals vergessen. Und ich will deine Mama, Davy, so in acht nehmen, wie ich dich in acht genommen habe. Und ich werde sie nie verlassen. Der Tag wird noch kommen, wo sie gern ihren armen Kopf ihrer dummen, mürrischen, alten Peggotty wieder auf den Arm legen wird. Ich werde dir schreiben, mein Liebling. Wenn ich auch kein Gelehrter bin, und ich will – ich will –« Peggotty fing an, das Schlüsselloch zu küssen, da sie mich nicht küssen konnte. / »Ich danke dir, meine liebe Peggotty,« sagte ich. »Ich danke, danke dir. Willst du mir nur eins versprechen, Peggotty? Wirst du Mr. Peggotty und der kleinen Emly und Mrs. Gummidge und Ham sagen, daß ich nicht so schlecht bin, wie sie vielleicht denken, und daß ich sie alle von Herzen grüßen lasse, besonders die kleine Emly? Willst du so gut sein, Peggotty?« / Die gute Seele versprach mirs, und wir küßten beide das Schlüsselloch mit der größten Zärtlichkeit, – ich streichelte es mit der Hand, entsinne ich mich noch, als ob es ihr ehrliches Gesicht gewesen wäre, – und trennten uns. Dieses Küssen des Schlüssellochs kann als einer der Höhepunkte in seiner literarischen Geschichte betrachtet werden. Das Schlüsselloch als Komplize des Lauschenden und Spions findet sich des Öfteren, man kann ihm jedoch nicht immer gänzlich trauen, auch ist der Einblick, den es bietet, limitiert bis bedauerlicherweise nicht existent: Fjodor Dostojewski, Verbrechen und Strafe: Dann beugte er sich keuchend zum Schlüsselloch, um hineinzusehen. Im Schloß steckte aber von innen der Schlüssel, folglich konnte er nichts sehen.; Cervantes, Don Quichotte: Das Schicksal aber, welches die Sachen anders führte, richtete es ein, daß, nachdem Anselmo, wie er öfter getan, Lotario und Camilla allein gelassen, er sich in ein ander Zimmer schloß und durch das Schlüsselloch sehen und hören wollte, was die beiden vornehmen würden, wo er denn in länger als einer halben Stunde sah, daß Lotario kein Wort mit Camilla sprach und auch nicht mit ihr gesprochen hätte, wenn er auch zehn Jahr dort geblieben wäre; Heinrich von Kleist, Die Marquise von O.: Sie vernahm, da sie mit sanft an die Tür gelegtem Ohr horchte, ein leises, eben verhallendes Gelispel, das, wie es ihr schien, von der Marquise kam; und, wie sie durchs Schlüsselloch bemerkte, saß sie auch auf des Commendanten Schoß, was er sonst in seinem Leben nicht zugegeben hatte.; ferner Kleist, Der zerbrochene Krug: Und hättest du durchs Schlüsselloch mich mit / Dem Lebrecht aus dem Kruge trinken sehen, / Du hättest denken sollen: Ev ist brav, / Es wird sich alles ihr zum Ruhme lösen, / Und ist’s im Leben nicht, so ist es jenseits, / Und wenn wir auferstehn ist auch ein Tag.
Kafka, Der Prozess: Dagegen gab es Sonntag ein Zeichen, dessen Deutlichkeit genügend war. Gleich früh bemerkte K. durch das Schlüsselloch eine besondere Bewegung im Vorzimmer, die sich bald aufklärte.
Bei Lewis Caroll, Alice im Wunderland, findet das Schlüsselloch einmal ausdrückliche Erwähnung als Teil des Türöffnungsmechanismus, es ist unabdingbar, um in eine andere Welt zu gelangen: Sie steckte das goldene Schlüsselchen in’s Schlüsselloch, und zu ihrer großen Freude paßte es. Ähnlich auch Dante Alighieri, Göttliche Komödie: Versagt auch einer nur von diesen beiden, / Daß er im Schlüsselloch nicht recht sich wendet, / Sagt‘ er zu uns, so bleibt dies Tor geschlossen.
Natürlich kann man im Schlüsselloch auch einen Schlüsselumdrehen, um eine Tür zu verschließen: Joseph von Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts: Als ich mich ein Weilchen wieder so ruhig verhalten hatte, daß man die Fliegen an der Wand hätte können gehen hören, vernahm ich, wie jemand von draußen ganz leise einen Schlüssel ins Schlüsselloch steckte.
Bei Charlotte Bronte, Jane Eyre, unterstützt das Schlüsselloch düstere, gruselige Stimmungen, es fallen sinnliche Eindrücke hindurch, doch nicht in aller Deutlichkeit, sondern verzerrt oder reduziert: Durch das Schlüsselloch und eine Spalte unterhalb der Thür fiel ein Lichtschein; überall herrschte tiefste Stille. Auch: Es war ein dämonisches Lachen – leise, unterdrückt, tief – welches, wie es schien, durch das Schlüsselloch meiner Zimmerthür drang.
In der Frage nach dem Verhältnis zum Schlüsselloch taucht auch die nach Privatsphäre und dem Recht auf Geheimnisse auf. Hier findet sich das Schlüsselloch als klassisches Element, dessen sich der Spion bedient – der Schlüssellochgucker ist der moralisch verwerfliche Mensch, besser hätte man das Loch abgedeckt: Brüder Grimm, verschiedene Märchen, z.B. Tischlein Deckdich: Der Wirth dachte, was mag der wunderliche Gast vorhaben, schlich sich hinauf, und guckte durch das Schlüsselloch, da sah er wie der Fremde einen kleinen Tisch vor sich setzte, »Tischgen deck dich!« sprach und alsbald das beste Essen und Trinken vor sich stehen hatte.
Wie man das Schlüsselloch aber auch verwenden kann, zeigt besonders schön Flaubert, Madame Bovary: Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den herkömmlichen Späßen zu bewahren. Indessen machte sich ein Vetter – ein Seefischhändler, der als Hochzeitsgeschenk selbstverständlich ein paar Seezungen gestiftet hatte – doch daran, einen Mund voll Wasser durch das Schlüsselloch des Brautgemachs zu spritzen.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts nimmt seine Verwendung ab. Ringelnatz war zwar noch ein großer Fan des Schlüssellochs, er widmete ihm unter anderem diese Zeilen:  Joachim Ringelnatz, Das Schlüsselloch: Das Schlüsselloch, das im Haustor saß / Erlaubte sich nachts einen Spaß. / Es nahten Studenten / Mit Schlüsseln in Händen. / Da dachte das listige Schlüsselloch: / Ich will mich verstecken, / Um sie zu necken! / Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch. / Alsbald nun tasteten die Studenten / Suchend / Fluchend / Mit Händen / An Wänden. / Und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter. / Schlüsselloch lachte heiter. Metaphorisch in Erzählungen, Durch das Schlüsselloch eines Lebens: Und obwohl er müde, hungrig und ungewaschen heimkehrte, erfüllte ihn doch ein geheimnisvolles Behagen, wie es ein guter Mensch empfindet, der durchs Schlüsselloch etwas Ungeniertes beobachtet hat, wie etwa ein Vater, der seinen Kindern so zugesehen hat. / Ja, auch er, Berthold, hatte durch ein Schlüsselloch, durch das Schlüsselloch eines Lebens geschaut, und da er daran dachte, daß es Millionen solcher Leben gab, von denen jedes wieder seine eigene Gestaltung besaß, war es nicht nur Behagen, was ihn erfüllte, war es ein tiefes Ergriffensein vor der Unermeßlichkeit der Menschheit.
In den letzten Jahrzehnten aber trifft man das Schlüsselloch in der Literatur immer seltener an; an seine Stelle sind zuerst Akten, dann der Computer und das Handy getreten.    

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