Enzyklopädie der Dinge

Hrsg. von Guido Graf, Marius Hoffmann und Florian Stern

Der Rückspiegel

Von Anne Garthe

Ein Rückspiegel ist eine reflektierende Fläche, durch die eine rückwärtige Situation beobachtet werden kann. Diese Funktion macht sich hauptsächlich die Autoindustrie zu Nutze. Durch die Anbringung von Rückspiegeln in Fahrzeugen, soll das Beobachten des rückwärtigen Verkehrs und das Führen eines Fahrzeuges erleichtert werden. Im Gegensatz zu einem konkav gekrümmten Spiegel gelingt es dem Konvexen, einen möglichst großen Winkel sichtbar zu machen.
 
„Frauen sollten an geeignetem Platz im Auto einen kleinen Handspiegel mitführen und ihn von Zeit zu Zeit hoch nehmen, um während der Fahrt im Verkehr nach hinten zu blicken“, notierte Levitt, die erste Rennfahrerin, 1909 erstmals in ihrer Publikation „The Woman and the Car: A Chatty Little Handbook for the Edwardian Motoriste.“ Heute, über 100 Jahre später, erlebt die klassische Idee des Rückspiegels eine Renaissance – beheizt, in unterschiedlichen Farben beleuchtet, als Navigationsanzeige oder gar durch eine Kamera ersetzt.
Doch nicht nur die Autoindustrie schreibt dem Rückspiegel eine wichtige Funktion zu.
Ab und an empfängt ein fahrradfahrender Renter ein freundliches Lächeln durch seinen Rückspiegel, bevor er schwungvoll überholt wird. Oder ein Kind, das behauptet, es könne erahnen, was hinter seinem Rücken passiert, trägt sehr wahrscheinlich eine tarnechte Detektivbrille. Dies wirft Fragen auf:  Was würde passieren, wenn jeder immerzu wüsste, was hinter seinem Rücken passiert? Viele Skandale wären vermutlich rechtzeitig vereitelt worden, viele Diebereien aufgedeckt. Oder hätte das Leben im Rückwertigen zu Folge, dass sich zeitgleich vor derselben Person neue Skandale abspielen? Oder anders gefragt: Wieviele wichtige Momente wurden in der Zeit des in den Rückspiegel Blickens verpasst? Ideal wäre ein gekoppelter Rückspiegel, der beide Perspektiven, das Vorne und das Hinten, sichtbar macht.  
Aber wieso immer den Überblick behalten? Wenn der Rückspiegel auch die Möglichkeit birgt, immer und immer wieder gegen zu spiegeln, bis die Grenzen von Raum und Zeit verschwimmen, bis der Spiegel die Realität ausblendet, er zum Spiegel seiner Selbst wird, kann das schwerwiegende Folgen haben, die von Realitäts- und Persönlichkeitsstörungen bis hin zur Vernichtung der Welt durch ein alles verschlingendes Schwarzes Loch reichen können!
Die Autoindustrie trägt also eine große Verantwortung. Und das eben nicht nur, weil das Verrechnen des Herstellers beim Festlegen der Biegung des konvexen Rückspiegels schwerwiegende Folgen haben kann, sondern auch wegen oben erläutertem Endzeitszenario. Vielleicht sollte der Mensch sich ganz lossagen von diesen (Rück-) Spiegeln und sich erst einmal wieder eine gesunde Skepsis gegenüber dieser suspekten Gegenstände aufbauen. Ganz so wie der Künstler Rene Magritte das Element des Spiegels in seinen Bildern behandelt. Er schafft Verwirrung, fordert das Auge heraus, seinen Anspruch auf Wahrheit zu hinterfragen.

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