Osten - eine Utopie

von Kornelius Friz und Christoph Möller

Etwas verloren steht ein Mensch vor einem roten Klinkerhaus. Nur das Messingschild mit der Aufschrift „Gemeindeverwaltung Osten“ weist darauf hin, dass dieses Haus nicht leersteht, wie die meisten anderen im Ort. Möwen kreischen, die Kirchglocken läuten. Auch an diesem Morgen fährt irgendwann ein Auto vorbei. In Fleecejacke und höflich distanzierter Mundart begrüßt uns Carsten Hubert, der Bürgermeister von Osten uns in seinem Ort. Wir lernen, dass Osten nur einer von vier Ortsteilen der Samtgemeinde Hemmoor ist, sein Amt führt Hubert schon seit Jahren ehrenamtlich aus. Der Pastor radelt vorbei, auch er hat schon davon gehört, dass Reporter im Ort sind. Wir verabreden uns in seiner St.-Petri-Kirche, einem für die ländlich-protestantische Dorfgemeinde Ostens verhältnismäßig prächtigen Bau. Osten werde mit langem „O“ ausgesprochen. Wie der Ofen, nicht wie die Himmelsrichtung, erklärt uns der Bürgermeister.

„Wie ein überirdischer Vakuumsauger“

Horst Puttfarken sitzt im Obergeschoss der Kulturmühle Osten auf morschen Dielen. Detailliert erklärt er die technischen Raffinessen, dank derer die 1909 als Kornspeicher errichtete Mühle einst den großen Bedarf des gesamten Umkreises bedienen konnte. Eine Druckluftförderanlage beförderte das zu mahlende Korn „wie ein überirdischer Vakuumsauger“ direkt von den Schuten auf der fünfhundert Meter entfernten Oste bis hin zum Mahlwerk. Auch abseits der technischen Details haben die Kulturmüller viel zu erzählen. Dass sie ihren Ort gern haben. Dass auch Neu-Ostener willkommen sind und sich engagieren können. Und dass der Tourismus mehr Fluch als Segen sei. Manfred Toborg, der erste Vorsitzende der Kulturmüller erinnert sich noch, wie er als Kind mit einem Eimer zur Mühle geschickt wurde, um Futter für die Hühner zu holen. Bis zu seinem Tod, wenige Wochen nach unserem Besuch in Osten praktizierte er neben seinem Engagement als für die Kulturmühle als Allgemeinarzt vor Ort und war einer von etwa zehn Bässen im Gemischten Chor Osten. Mit Horst Puttfarken und rund zwanzig anderen Sängerinnen und Sängern saß er nach jeder Probe auf dem Dachboden der Mühle und ließ bei Pils und Weißweinschorle den Abend ausklingen. Mehr als die Hälfte der Chormitglieder reist extra aus umliegenden Orten an: Stade, Cuxhaven, Bremerhaven.

„Utopie“ aus altgriechisch οὐ- ou- „Nicht-“ und τόπος tópos „Ort“

Warum ist das so? Warum erfährt nicht nur der Ostener Chor, sondern der gesamte Ort so viel Zulauf? Aus ganz Europa kommen pro Jahr tausende Radtouristen nach Osten. Wenn erst der Elbetunnel von Cuxhaven nach Hamburg gebaut wird, werde Osten sein blaues Wunder erleben, meint Puttfarken. Dann wird man nur noch fünfundvierzig Minuten in die Metropole brauchen und die hippen Großstädter werden versuchen, eines der begehrten Häuschen am Oste-Deich zu ergattern, um zur Arbeit nach Hamburg zu pendeln. Der Tunnel würde Osten grundlegend verändern. Ob zum Guten oder zum Schlechten, das weiß Puttfarken noch nicht. Aber noch ist unklar, ob der Tunnel überhaupt kommen soll.

„Wer sich einbringt, wird auch aufgenommen“

Doch schon jetzt gibt es gewisses Misstrauen oder zumindest Zurückhaltung zwischen den Alteingesessenen und den Neu-Ostenenern, zu denen auch Horst Puttfarken, der immerhin schon seit sechs Jahren in Osten lebt, zählt. Rüdiger Toborg, der Bruder des Dorfarztes ist in Osten aufgewachsen. Der gelernte Tischler ist einer der wenigen, die nach dem Studium wieder zurückkamen. Obwohl schon sein Großvater Toborg ein echter Ostener war, beschreibt Rüdiger Toborg sich selbst nicht als Ur-Ostener – denn irgendjemand war immer schon länger da. Sein Möbelhaus, das er in den letzten Jahrzehnten immer wieder ausgebaut hat, musste er Anfang des Jahres schließen, im Moment versucht er, die letzten Schränke und Couches loszuwerden.

Kein Zufall also, dass neue Gesichter in Osten oftmals skeptisch begutachtet werden. Mit den türkischen Erntehelfern, die der Bio-Apfelbauer Wichmann vor einigen Jahren bes
chäftigte, sei es schwierig gewesen. Aber die seien ja auch immer nur eine Saison lang da, wie solle man sich da kennenlernen? Dennoch überrascht es nicht, dass auch der Ostener mit polnischen Wurzeln, der seit mehreren Jahren am Deich wohnt, im ganzen Ort als „Der Pole“ bekannt ist. Inwiefern er und andere „Neu-Ostener“ freundlich empfangen und integriert wurden, ist kaum zu beurteilen. Rüdiger Toborg ärgert sich jedenfalls nur über jene Neu-Ostener, die man seit ihrem Einzug nicht mehr gesehen hat. Denn „wer sich einbringt, wird auch aufgenommen.“

Osten liegt im Landkreis Cuxhaven zwischen Oste und Elbe. Der Ort ist umgeben von Hochmooren und Naturschutzgebieten. Im 19. Jahrhundert war die Gegend bekannt für ihre Ziegeleien. Nach dem großen Brand in Hamburg im Mai 1842 kamen zahlreiche Ziegelarbeiter aus Lippe, um Hamburgs Bedarf nach Ziegeln zu decken. Als 1909 dann die Schwebefähre kam, erfuhr der Ort seine Blütezeit. Jeder zweite Haushalt betrieb einen Gasthof oder zumindest eine Kneipe. Nicht nur die Lipper Arbeiter kamen nach Osten, um dort zu leben und zu arbeiten.

Touristenmagnet Schwebefähre

Bis 1974 war die Schwebefähre die einzige Verbindung von Osten nach Hemmoor und in die anderen, großen Städte. Bei einer Fahrtzeit von dreieinhalb Minuten und etwa zwanzig Autos pro Überfahrt gab es wochentags stundenlange Staus auf beiden Seiten des Flusses. Rüdiger Toborg kann sich noch gut erinnern. Mit leuchtenden Augen erzählt er, wie er als Kind mit seinen Freunden die Kennzeichen der wartenden Autos notierte: „König war, wer einen Ausländer gefunden hatte.“ Wer nicht zwingend rüber nach Hemmoor oder gar noch weiter musste, blieb natürlich im Ort, schließlich gab es dort alles: Ärzte, Bäckereien, einen Fleischer und vor allem zahlreiche Kneipen. Wenn die Toborgs doch mal mit dem Auto in Hemmoor waren, ließen sie es auf dem Heimweg oft stehen, um es abends, wenn der Stau an der Fähre kürzer wurde, heimzuholen. Gäste aus den Niederlanden, der Schweiz oder aus Frankreich waren zu jener Zeit noch keine Seltenheit.

Erst mit Bau der Autobrücke über die Oste sind sie weggeblieben. Aber auch die Einwohner und schlimmer noch: die Kneipen verschwanden in den Siebzigern quasi von heute auf morgen. War der infrastrukturelle Anschluss an die Außenwelt also Ostens Grabstein? Heute gibt es eigentlich nur noch die Sparkasse. Doch vor Ort kann man außer im Kultrestaurant „Zum Fährkrug“ direkt am Fähranleger kaum noch Geld ausgeben. Nur Mittwochs gibt es Konkurrenz: Dann sieht man zur Mittagszeit alle Ostener mit einem eigenen Topf zur Fleischerei gehen, um das legendäre Mittwochsessen abzuholen. Von Oktober bis März sind auch die letzten Geschäfte geschlossen. Sogar die Kirche macht dann dicht. Und ihre Glocken leuten auch nicht mehr. Doch ist Osten wirklich ein aussterbendes, ein totes Dorf? Ein Ort, in dem die Jungen längst über vierzig sind, weil die wirklich Jungen wegziehen, sobald sie können? Ein Ort, in dem sich Arbeitslosigkeit, Langeweile und Radikalismus gegenseitig bedingen, wie es von vielen Dörfern in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern behauptet wird? Kim Fabian kann dem nicht zustimmen. Vor zwei Jahren hat er an Ostens Marktplatz eines der vielen leerstehenden Häuser gekauft und mit einigen Helfern aufgemöbelt. Bis heute unterhält und vermietet der Student es als Werkhaus an Künstler und Künstlerkollektive. Im Sommer wurde sogar ein Film in und über Osten gedreht. Fabian ist ein Mann der Tat. Nach dem Abitur auf einer Hamburger Waldorfschule ging er in die USA, wo er als Model arbeitete. Doch so ganz will er die Heimat – auch seine Mutter lebt in der Nähe – nicht verlassen.

Der Siebenundsechzigjährige fängt nochmal von vorne an

Edda Renelt, die Apothekerin, spielt Gitarre in der Ostener Katastrophenband. Mit Kim Fabian hat es noch nie Probleme gegeben, sagt sie und Frau Toborg von der Kulturmühle ergänzt: „Einmal hatte er seine Modelfreundinnen mitgebracht und dann haben sie sich im Garten an- und ausgezogen den ganzen Tag ihre Modelsachen gemacht.“ Renelt ist selbst in Osten aufgewachsen. Nach dem Studium in Hamburg kam sie wieder zurück und kann sich keinen anderen Ort zum Leben vorstellen. Menschen wie sie halten die Dorfgemeinschaft lebendig und überhaupt erst intakt. Zwar ist es nicht mehr möglich, von Hemmoor unabhängig in Osten zu leben, aber die Tatsache, dass es auch vor Ort mehrere Ärzte und eine Apothekerin gibt, zieht sogar noch neue Leute an. Neben den zahlreichen Touristen, die meisten nicht einmal eine Nacht bleiben, gibt es auch immer mehr Menschen, die sich ein Zweithäuschen in der Idylle am Ostedeich kaufen – oder gleich ganz nach Osten ziehen.

Wenn diese sich aber nirgends zeigen, wird der engagierte Kern der Dorfgemeinschaft wütend. Denn überlebenswichtiger als Ärzte und Geschäfte ist dem Ostener das aktive Vereinsleben. Der TV Basbeck-Osten ist in der aktuellen Saison zwar in die Kreisliga abgestiegen, aber er hat keine Schwierigkeiten, eine spielfähige Mannschaft zusammenzubringen. Das jährliche Schützenfest zieht mindestens so viele Menschen aus den Anrainergemeinden an, wie das 125. Jubiläum des gemischten Chors, das einen ganzen Julisonntag lang mit ausuferndem Kulturprogramm gefeiert wurde.

Dieses Highlight ließ Rüdiger Toborg sich natürlich nicht entgehen, obwohl er gerade alle Hände voll zu tun hat. Vor kurzem ist er in eines der begehrten Häuschen auf dem Ostedeich gezogen. Als sein Sohn sich entschied, der Liebe wegen nach Koblenz zu ziehen, hatte sein Geschäft in dieser Form keine Zukunft mehr. Aber anstatt aufzugeben, fängt der Siebenundsechzigjährige nochmal von vorne an. Er will ein Küchenstudio aufbauen. Dass er in seinem Nebenjob als Ostens Bestatter in den nächsten Jahren eher mehr, denn weniger zu tun haben wird, ist ihm egal.

Drei Tage Osten - der Rückblick

von Kornelius Friz und Christoph Möller

Pin It on Pinterest

Share This

Neuigkeiten abonnieren?

Einmal im Monat flattert unser neuer Newsletter direkt ins Postfach.

Newsletter kommt!

X