Enzyklopädie der Dinge

Hrsg. von Guido Graf, Marius Hoffmann und Florian Stern

Der Löffel

Von Vreda Marschner

Der Löffel ist ein Werkzeug mit dem flüssige und feste Nahrung unter Zuhilfenahme der Hand zum Mund geführt wird. Ein Löffel lässt sich ebenfalls zum Einrühren löslicher Stoffe in Flüssigkeiten oder zum Vermengen einzelner Komponenten einer Mahlzeit verwenden. Der Löffel ist der Formung einer menschlichen Hand nachempfunden und besteht aus zwei Elementen, dem Stiel, sowie der Löffelschale, auch Laffe genannt. Heutzutage bestehen Löffel meistens aus einem Material, wobei hier Stiel und Laffe miteinander verschmelzen. Bei der Betrachtung eines Löffels entsteht ein kohärenter Eindruck, was konstituierendes Element der Ästhetik eines Löffels ist, auf welche später Bezug genommen wird.
Löffel sind in der Küche in variierender Größe zu finden. Die drei geläufigsten Modellen lauten:
1.) Der Teelöffel. Dieser besteht aus Metall und wird zum Einrühren von Zucker in Tee oder Kaffee, aber auch als Essbesteck für Dessertcremes und Joghurts verwendet.
2.) Der Suppenlöffel. Dieser wird hauptsächlich zum Verzehr von Suppen genutzt, findet aber auch Beliebtheit unter besonders gierigen Essern, die sich am liebsten große Portionen in den Mund stopfen.
3.) Der Kochlöffel. Dieser ist aus Holz gefertigt und etwas größer als der Suppenlöffel. Schöpfen lässt sich mit ihm aufgrund seiner flach ausgearbeiteten Höhlung eher schlecht, dafür eignet er sich zum Essen hin- und herwenden in Pfannen mit Teflonbeschichtung.

 

Zurück zum Punkt „Ästhetik des Löffels“. Aufgrund seiner geschwungenen Form, der liebevollen, sich zärtlich aneinanderschmiegenden Verwachsung von Stiel und Laffe, liegt die Fetischisierung des Objekts Löffel nahe. Einige Exemplare sind kunstvoll mit Ornamenten oder Edelsteinen besetzt. Daher empfiehlt sich das Anlegen einer Löffelsammlung, um daraus beispielsweise Mandalas zu gestalten.
Wir haben uns also einen schönen Löffel ausgesucht und verrühren den Zucker langsam und bedächtig. In dem Fall dient der Löffel als meditatives Werkzeug, das uns in die Absolutheit des Moments zurückführt. Der Löffel ist unser Verbindungsstück zur Zeit und bewirkt (in Ausnahmefällen) sogar die Aufhebung der Zeit. Im ersten Band von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, „In Swanns Welt“ besitzt der Löffel ähnliche Fähigkeiten. Als Träger einer Erinnerung, die durch den Geschmack einer in Tee aufgeweichten Madeleine, gleichsam durch den Anschlag des Löffels an den Teller, in die Gegenwart transportiert wird, durchbricht der Löffel die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
„Dieser Grund nun begann sich mir zu offenbaren, wenn ich jene beseligenden Eindrücke untereinander verglich, denn sie hatten untereinander gemeinsam, dass ich das Geräusch des Löffels an dem Teller, die Ungleichheit der Bodenplatten oder den Geschmack der Madeleine zugleich im gegenwärtigen Augenblick und in einem entfernten Augenblick wahrnahm, und zwar in einem Maße, dass die Vergangenheit auf die Gegenwart übergriff und ich nicht mehr mit Bestimmtheit wußte, in welcher von beiden ich mich befand; in Tat und Wahrheit war es so: Das Wesen, dass dann in mir diesen beglückenden Eindruck empfand, empfand ihn darin, was dieser zu einem früheren Zeitpunkt und jetzt an Gemeinsamem hatte, darin, was er an Außerzeitlichem hatte; […]“
Und nicht selten handelt es sich beim Löffel um einen magischen Gegenstand, der uns die Pforten zu noch ganz anderen Welten öffnet.
 „Er legt Löffel, Spritze, Nadel und Wattebausch auf das Spülbecken. Dann zieht er ein kleines Päckchen braunweißes Pulver aus der Tasche und schüttet den Inhalt sorgfältig auf sein hochgeschätztes Besteckteil. Dann saugt er fünf Milliliter Wasser in die Spritze und drückt sie langsam auf den Löffel aus, wobei er genau darauf achtet, nicht die Körnchen wegzuspülen. Seine zitternde Hand beruhigt sich durch die Konzentration, die nur noch die Zubereitung einer Spritze auslösen kann. Er zieht die Flamme aus dem Plastikfeuerzeug Benidorm unter dem Löffel hin und her  und rührt die hartnäckigen Körnchen mit der Nadelspitze, bis er eine spritzbare Lösung hat.“ (Irvine Welsh; Trainspotting)
Quellen:
https://youtu.be/tx9Ro0V5ydg  “And all I wanna do is ride bikes with you and stay up late and maybe spoon.”
 
„Éva gab mir kleine Geschenke. Haarspangen, die sie über meiner Stirn festklemmte, Strümpfe, die sie zu heiß gewaschen hatte, einen Teelöffel, dessen Griff unser Parlament zeigte. Éva hatte eine ganze Löffelsammlung. Nach dem Bügeln setzte sie Wasser auf, kochte Tee und wir nahmen uns zwei Löffel aus ihrer Sammlung, mit denen wir den Kristallzucker langsam verrührten.“ (Aus dem Roman „Der Schwimmer“ von Zsuska Bánk)

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