Enzyklopädie der Dinge

Hrsg. von Guido Graf, Marius Hoffmann und Florian Stern

Der Fußball

Von Anna Liedmeier

Der Fußball kann den Spielzeugen zugerechnet werden. Er wird im Fußballspiel als Spielgerät verwendet. In funktionsfähigem Zustand ist er kugelförmig mit einem Umfang von genormt 63,5 bis 70 cm. Hergestellt wird er traditionell aus wabenförmigen Lederstücken, die oft in Handarbeit aneinandergenäht werden, und zwar heutzutage vorwiegend in Pakistan (75%), oft von Kindern. Das Innenleben (Seele) bildet eine Gummi-, bis in die sechziger Jahre Schweinsblase. Es gibt jedoch inzwischen auch zahlreiche Bälle aus Kunststoff, die gerade im Profifußball eingesetzt werden, da sie der Nässe besser widerstehen; diese werden oft in China produziert.

 

Bemerkenswert ist die gängige Darstellungsweise des Fußballs, insbesondere in beliebten Medien wie Kinderbüchern, als schwarz-weiß gemustert, denn traditionell ist der Fußball aus bräunlichem Leder gefertigt. In den letzten Jahren sind der besseren Sichtbarkeit der immer schneller gespielten Bälle wegen im Profisport Orange und Gelb als Grundfarben sehr beliebt. Die schwarz-weiße Musterung wurde erst anlässlich der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko aufgrund der jetzt weit verbreiteten Fernsehübertragungen eingeführt. Die schwarz-weiße Färbung war auf Fernsehern der Zeit besser zu erkennen. Dass nicht das Spiel das Medium, sondern das Medium das Spiel bestimmt, kann hier beispielhaft beobachtet werden. Bei den hochauflösenden Geräten der heutigen Zeit kommen auch kleine Details des Designs auf den Bällen zum Tragen, weshalb dem Design der Bälle sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Nichtsdestotrotz kommt dem Fußball in der klassischen schwarz-weißen Farbgebung immer noch eine Art Signalwirkung zu, eine Funktion als international wirksames Symbol für ein Spielgerät im Sport. Sicher spielt dabei auch der Anklang an Vorstellungen der Bipolarität der Welt eine Rolle (Yin und Yang, unser und das Fremd-Team).

 

Der Fußball ist der einzige Ball, der im Spiel ausschließlich mit Fuß, Kopf und Rumpf berührt werden darf. Nur der Torwart darf ihn mit den Händen berühren, wodurch er eine vollkommen andere Beziehung zu dem Spielgerät aufbaut als es die Feldspieler tun.
Die Flugbahn eines Fußballs, obwohl theoretisch mathematisch berechenbar, ist stets eigenwillig. Ein Fußball wird beseelt durch die Berührung eines Spielers. Ob der eigentliche Bestimmungsort des Spielballs das Tor (siehe Cristiano Ronaldo) oder der Fuß eines Spielers (Lionel Messi) ist, wird kontrovers diskutiert. Als überholt galt lange die Meinung, sein eigentliches Ziel sei die Luft, diese Ansicht wird jedoch wieder zunehmend populärer (siehe Neymar Jr.)

 

Neben seiner Funktion als Spielgerät kann der Fußball nur in wenigen weiteren Funktionen eingesetzt werden. Sein Zweck ist damit sehr eingeschränkt und kann insgesamt sogar angezweifelt werden. Er kann als dekoratives Objekt, beispielsweise im Schlafzimmer eines Mannes, zum Einsatz kommen, um sexwillige Frauen von der Durchführung ihrer Ziele abzuhalten. Ist der Ball signiert, kann er allerdings die gegenteilige Wirkung auslösen. Man kann ihn als Tablett nutzen, insbesondere für Schinken, Käsescheiben und labberige Pizzen, die auf der Oberseite (beliebig wählbar) drapiert werden können. In Kinder- und Jugendzimmern dient er traditionell als Stolperfalle für eintretende Eltern.

 

Zum vielfältig einsetzbaren Objekt wird der Fußball allerdings erst durch Verstümmelung. Löst man drei bis vier der vernähten Elemente, kann der Ball beispielsweise als regendichte Mütze zum Einsatz kommen, als Lampenschirm oder Winterschutz für Buchsbäumchen, auch der Einsatz als Gefäß, ähnlich der Schweinsblase in der neolithischen Gesellschaft, ist immer noch denkbar.
In den europäischen Ländern ist der Fußball als Spielgerät im Straßenbild seit Jahrzehnten auf dem Rückzug. Immer häufiger kommt er jedoch auf Bildschirmen zum Einsatz, um Menschen dazu zu bringen, klassische Hausarbeiten zu vernachlässigen und so zum Kauf zeitsparender elektronischer Geräte zu animieren. Der Umgang mit dem Fußball wird heutzutage intensiv in Kursen und entsprechenden Schulen gelehrt, er ist weniger intuitiv als früher. Dennoch gilt die Verwendung eines Fußballs immer noch als naturgegeben und simpel, gerade im Vergleich mit Hockey- oder Tennisbällen, doch konnte diese These durch Beobachtungen bei kleinen Kindern, insbesondere weiblichen Geschlechts, widerlegt werden. Vielmehr neigt der Mensch, der nicht auf die Verwendung eines Fußballs mit Fuß und Kopf konditioniert ist, dazu, ihn in die Hände zu nehmen und zu werfen. Ein Fußball kann daher als Objekt gelten, das seiner eigentlichen, natürlichen Bestimmung entwendet und der Verwendung im Rahmen einer ausdrücklichen Kulturtechnik unterworfen wurde. Daher ist die Einordnung des Fußballs als Objekt auch abseits seines Einsatzes als Liebesobjekt unfraglich, obwohl er, wie oben erwähnt, durchaus subjektähnliche Eigenschaften (eigene Bewegung, eigener Wille, Seele) aufweist.
Quellen:
Treffend wird das grundsätzliche Problem von Autoren mit Fußball beschrieben im Neon-Artikel Die Parallelen von Fußball und Literatur (http://www.neon.de/artikel/freie-zeit/literatur/die-parallelen-von-fussball-und-literatur/1112649): Fußball und Literatur scheinen auf den ersten Blick nicht sonderlich viel gemein zu haben. Die wenigsten, die sich für Fußball interessieren, dürften sich auch für Literatur interessieren und umgekehrt.
Trotz dieser prozentual zutreffenden Beobachtung gibt es zahlreiche Bücher, die sich mit Fußball beschäftigen, dabei ist allerdings in der Regel mehr vom Fußball als Spiel die Rede. Der Fußball selbst als Spielgerät erhält oft nur eine Nebenrolle, so z.B. in Nick Hornbys Fever Pitch: Ich verliebte mich in Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: unvermittelt, unbegreiflich, unkritisch, ohne einen Gedanken an den Schmerz oder den Schaden, den er mir zufügen würde.
Ähnlich, jedoch als erzählendes Sachbuch: Javier Caceres, Fútbol. Spaniens Leidenschaft. 

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