„Wie wird man Literatur?“

Der Open Mike wird seit 1993 in Berlin ausgetragen. Manche sagen, es sei der wichtigste Wettbewerb für junge deutschsprachige Literatur. Jedenfalls begleitet Litradio.net die alljährliche Nachwuchsschau redaktionell seit vier Jahren. Auch vom 7. bis 9. November 2015 war die Redaktion vor Ort im Heimathafen Neukölln, um alle zwanzig Lesungen aufzunehmen. Die folgenden, live verfassten Rezensionen zum 23. Open Mike sind von Caspar N. Rode und Kornelius Friz. Hilde Drexler: „Zinnentanz“ Hilde Drexler macht Judo. Hier auf der Bühne wirft sie Satzkonstronstruktionen und Figuren um- und durcheinander. Der König hat den Schelmensohn zum Idioten geprügelt. Alles wird weiß: Das Schloß, das Meer und Es vor den Augen des Lyrischen Ichs. Wie wird man Literatur? So wie der Bildermacher, der noch an seine Worte glaubt? Glaubt die Gegenwart zu beeinflußen. Fri-Fra- Fruchtikuss, ziwschendurch ein Fruchtgenuß. Vor trägt sie wie eine Maria Hofstätter in Hundstage den Werbeslogan der Darboperle. Erbost greifst du zu einem Glas, löffelst Grapefruit Ananas. Und Werbung beeinflußt doch die Gegenwart? Literatur wird man nach Drexler, wenn man am Ende auf alles scheißt. Sicher, der flammendrote Herbstwald bietet sich an dazu. Drexler das wird… wird.. dufte. Ja, dufte Drexler. ※ Theresia Töglhöfer: „Das pure Leben“ 18 Fernreisen und 35 Mittelstreckendestinationen schnüren ein enges Korsett für „Das pure Leben“ von Theresia Töglhofer. So weit ihre Protagonistin und deren Boyfriend auch in der Welt herumkommen, so uninspiriert und engstirnig sind die Dichotomien, die Töglhöfer mit dem Gießkannenprinzip über fünfzehn Minuten Travel-Literatur verteilt: Seine Zunge schmeckt nach Whiskey, ihre nach Blut. Seine Hände sind trocken, ihre zu feucht. Denguefieber, Elendsviertel und Pharmakonzerne streift das Pärchen auf seinen Reisen, nichts davon betrifft es jedoch. Das einzige Übel, das...

Kukicha

Kukicha Realitätsdrahtseilakteur E. A. Diroll im Portrait Alexander Diroll ist seines Zeichens Tee- und Absinthhändler, Besitzer eines Bücherantiquariats und Überlebenskünstler durch und durch. Bis vor rund 5 Jahren war Alexander Diroll Betreiber eines ganz besonderen Ladens, dem „Kukicha“, einem Ort, der vielen Menschen in seiner Nachbarschaft ein zweites zu Hause gegeben hat und für viele zu einem Lebensmittelpunkt wurde. Neben Tee und ausgewählten Absinthen, fanden sich dort allerlei Kuriositäten. Ein Wunderladen, wie man ihn sonst nur in einem Tim Burton Film vermuten würde. Neben dem täglichen Geschäft, dem Verkauf von Tee, antikapitalistischen Kaffees, Absinth und was dem leidenschaftlichen Sammler sonst noch so einfiel, war eines der Hauptmerkmale des „Kukichas“ das soziale Miteinander. Wenn andere Einzelhändler die Ladentür schlossen und sich gen Feierabend nach Hause bequemten, ging es im Kukicha meist erst los. Freie Lesungen bei Rotwein und Kerzenlicht, Japanische Teezeremonien nach traditionellem Vorbild, Spieleabende, Absinthverkostungen, Themenabende unterschiedlichster Art und Parties waren an der Tagesordnung. (c) Tilman Döring Idee / Konzept: Tilman Döring  Bild / Ton: Tilman Döring  Text: E.A. Diroll  Dokumentarisches Bildmaterial: Axel...

Osten – Eine Utopie

Osten - eine Utopie von Kornelius Friz und Christoph Möller Etwas verloren steht ein Mensch vor einem roten Klinkerhaus. Nur das Messingschild mit der Aufschrift „Gemeindeverwaltung Osten“ weist darauf hin, dass dieses Haus nicht leersteht, wie die meisten anderen im Ort. Möwen kreischen, die Kirchglocken läuten. Auch an diesem Morgen fährt irgendwann ein Auto vorbei. In Fleecejacke und höflich distanzierter Mundart begrüßt uns Carsten Hubert, der Bürgermeister von Osten uns in seinem Ort. Wir lernen, dass Osten nur einer von vier Ortsteilen der Samtgemeinde Hemmoor ist, sein Amt führt Hubert schon seit Jahren ehrenamtlich aus. Der Pastor radelt vorbei, auch er hat schon davon gehört, dass Reporter im Ort sind. Wir verabreden uns in seiner St.-Petri-Kirche, einem für die ländlich-protestantische Dorfgemeinde Ostens verhältnismäßig prächtigen Bau. Osten werde mit langem „O“ ausgesprochen. Wie der Ofen, nicht wie die Himmelsrichtung, erklärt uns der Bürgermeister. „Wie ein überirdischer Vakuumsauger“ Horst Puttfarken sitzt im Obergeschoss der Kulturmühle Osten auf morschen Dielen. Detailliert erklärt er die technischen Raffinessen, dank derer die 1909 als Kornspeicher errichtete Mühle einst den großen Bedarf des gesamten Umkreises bedienen konnte. Eine Druckluftförderanlage beförderte das zu mahlende Korn „wie ein überirdischer Vakuumsauger“ direkt von den Schuten auf der fünfhundert Meter entfernten Oste bis hin zum Mahlwerk. Auch abseits der technischen Details haben die Kulturmüller viel zu erzählen. Dass sie ihren Ort gern haben. Dass auch Neu-Ostener willkommen sind und sich engagieren können. Und dass der Tourismus mehr Fluch als Segen sei. Manfred Toborg, der erste Vorsitzende der Kulturmüller erinnert sich noch, wie er als Kind mit einem Eimer zur Mühle geschickt wurde, um Futter für die Hühner zu holen. Bis...

What do you see?

Von Hyung-Kyung Yi, Giovanni Cardillo und Elena Zay Budapest, Mai 2015 Es ist Kunst, die dich ins Museum zieht. Aber was passiert, wenn du vor ihr stehst? Wie nimmst du die Exponate wahr? What do you see? Besucher in Budapesters Museen und Galerien haben mit ihren Antworten Kunst aus Kunst geschaffen. Beschreibungen, Deutungsversuche auf Tonspuren, Gesten und Haltung bildlich festgehalten, dazu oft nur andeutungsweise fotografierte Exponate, im Hintergrund ein musealer Klangteppich. Sie liefern den Ansatz einer Antwort auf die Frage nach Sehen – und überlassen gleichzeitig vieles der Vorstellung des Zuschauers. So tell us,...

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